350 Menschen demonstrierten für Toleranz und Demokratie

Allendorf/Lumda/Grünberg (khn/tb). Rund 350 Menschen haben am Samstag in Allendorf/Lumda gegen Rechtsextremismus und Intoleranz demonstriert. Organisiert hatte die Kundgebung vor dem Rathaus das Netzwerk für Demokratie und Toleranz. In Grünberg stoppten Protestler den Demozug des NPD-Nachwuchses.
27. Mai 2013, 15:48 Uhr
Mehrere hundert Menschen demonstrierten am Samstagvormittag für Toleranz und gegen Rechtsextremismus auf dem Rathausplatz. (Fotos: khn/tb)

350 gegen sieben: Politik, Kirchen, Vereine und Bürgerschaft haben am Samstagvormittag ein klares Zeichen gegen Intoleranz und Rechtsextremismus gesetzt. Während zur Demonstration des Netzwerks für Toleranz und Demokratie hunderte Menschen kamen, hielt der NPD-Nachwuchs, die Jungen Nationaldemokraten (JN), mit nur sieben Aktivisten seine Kundgebung ab. Ein anderes Bild in Grünberg: Ein Großaufgebot von rund 200 Polizisten, gesperrte Straßen, Kolonnen von blau-weißen Bullis, ein über der Stadt kreisender Hubschrauber – der Aufmarsch von rund 50 Rechten sorgte am Samstagnachmittag für einen in der Gallussstadt bis dato nicht gekannten Ausnahmezustand. Doch weit kamen die Anhänger der JN nicht, Gegendemonstranten blockierten den Weg in die Stadt – die geplante Kundgebung aus »Solidarität mit den Kameraden im Lumdatal« fiel aus. Dafür machten am Grünberger Renthof über 250 Menschen ihren Protest gegen Rechts deutlich.

Zurück nach Allendorf: Um 10.50 Uhr waren es nur die etwa 75 Polizisten, die sich auf dem Wilhelm-Heidwolf-Arnold-Platz die Beine in den Bauch standen. Die evangelische Kirche hatte einen Kaffeestand für die Beamten aufgebaut und zur Begrüßung der Rechten ein Banner aufgehängt: »Das Lumdatal bleibt bunt«. Angekündigt hatte sich die NPD-Nachwuchsorganisation.

Um 11.05 Uhr kam ein Pärchen, um 11.15 ein Auto. Am Ende standen sieben Aktivisten auf dem Platz – unter anderem der hessische NPD-Funktionär Thomas Hantusch und der Wetterauer NPD-Kreisvorsitzende Daniel Lachmann.

Während sie ihre Reden hielten und Szene-Musik aus den Lautsprechern schallte, machten etwa 50 Gegendemonstranten Krach. Der Marburger Motorradclub »Kuhle Wampe« ließ die Motoren aufheulen und drückte auf die Hupe. Andere Demonstranten – unter anderem aus dem linken Lager – skandierten »Nazis raus«, hielten eine Israel-Fahne hoch und zeigten Transparente mit der Aufschrift »Kein Bock auf Nazis«.

Unterdessen hatten sich am Festplatz neben dem Rathaus rund 300 Menschen versammelt, um gemeinsam ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und Intoleranz zu setzen. Regenbogenfahnen flatterten im Wind, auf Plakaten stand zu lesen »Multikulti statt Intoleranz«, »Rechtsextremismus, nein danke« oder »Kein Platz für Neonazis«. Kinder malten mit Kreide bunte Bilder auf den grauen Asphalt. Es war ein breiter Querschnitt aus der Gesellschaft anwesend. Kein Wunder, wird das Netzwerk für Demokratie und Toleranz doch von zahlreichen gesellschaftlichen Akteuren – Politik, Kirchen, Vereinen und Bürgerschaft – unterstützt.

»Es ist das dritte Mal, dass wir zusammenkommen«, sagte Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller, »und es kommen immer mehr Menschen.« Es gebe im Lumdatal rechtsextreme Tendenzen. »Aber wir zeigen hier Flagge.« Die NPD nutze den Rechtsstaat »schamlos« aus; dabei sei sie verfassungsfeindlich. »Sie machen es scheinheilig, indem sie Begriffe nutzen, die für uns wertvoll sind. « Bis heute verstehe er den Slogan »Heimat und Familie statt Demokratie und Toleranz« nicht. Gefeller: »In unserer Heimat leben seit 50 Jahren 50 Nationen zusammen. Das klappt, weil Toleranz die Grundlage unseres Zusammenlebens ist.« Man müsse Mensch bleiben, aber die Rechtsextremen träten die Menschenwürde mit Füßen.

Klaus-Dieter Gimbel, Leiter der Gesamtschule Lumdatal, sagte, rechte Parolen dürften »keinen Platz in den Köpfen unserer Kinder« finden. Erwachsene sollten für Sorgen und Nöte von Kindern und Jugendlichen offene Ohren haben und sich Zeit nehmen. Ein Schüler habe ihn gefragt, warum die Kundgebung der NPD nicht verboten worden sei. Gimbel: »Ich erklärte ihm, dass es ein Grundrecht ist, zu demonstrieren und seine Meinung zu sagen«, sagte er. »Verbote sind nur in autoritären Staaten möglich.«

In einer kämpferischen Rede zitierte Allendorfs Bürgermeisterin Annette Bergen-Krause Willy Brandt. »Er hat gesagt, Zukunft wird nicht von denen gestaltet, die in der Vergangenheit stehenbleiben.« In Richtung der NPD rief sie: »Die sind nicht zukunftsfähig.« Diese Partei stehe für Ausgrenzung und Diskriminierung, sagte sie, »aber wir stellen uns ihnen gewaltfrei entgegen.« Die Menschen wollten die Vielfalt der Kulturen und Religionen – und nicht, dass ihre Heimat »in den braunen Dreck« gezogen wird.

Ulf Immelt sprach für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Vor 80 Jahren hatten die Nationalsozialisten die Gewerkschaften zerschlagen, vor 20 Jahren verübten Rechtsradikale einen schweren Brandanschlag in Solingen. »Wir stellen uns heute den Neofaschisten entgegen«, sagte er. Das Problem seien nicht die wenigen, die an der Marktstraße ihre Parolen skandierten. »Wir müssen uns fragen, wie Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Islamophobie in der Gesellschaft entstehen können.« Das komme auch zum Teil aus der Mitte der Gesellschaft. »Für Vereine, Parteien und Bürger heißt das: Nicht weghören, wenn es beim Stammtisch wieder rechte Parolen gibt.«

Weitere Reden hielten der ehrenamtliche Kreisbeigeordnete Dirk Haas, der Organisator des Papalala-Festivals in Treis, Dirk Wallenfels, das Gießener Bündnis gegen Rechts, der Ausländerbeirat der Stadt Gießen und ein junger Staufenberger. Unterbrochen wurden die Reden von Musik.

Einsatzleiter Michael Huber von der Polizei Mittelhessen zog gegen 12.30 Uhr ein positives Fazit der Veranstaltung. Viele Bürger hätten den Beamten wohlwollend gegenübergestanden. »Obwohl eine derartige Polizeipräsenz sicherlich ein Novum in diesem ländlichen Raum ist«, sagte er. Zwischenfälle habe es keine gegeben.

Grünberg

Ein Zeichen für »Frieden, Toleranz und Vielfalt«, wie auf einem Plakat zu lesen, setzten am Samstag gegen 14 Uhr rund 250 Demonstranten auch in Grünberg. Dirk Wallenfels vom Netzwerk für Demokratie und Toleranz freute sich über die große Resonanz, die der Aufruf, gegen den Aufmarsch der Rechten Flagge zu zeigen, auch in der Gallusstadt gefunden hatte. »Wenn Kommunalpolitiker mit Eiern beworfen, Türen eingetreten werden – das können und werden wir nicht hinnehmen. Das Lumdatal endet nicht in Allendorf«, rief Wallenfels den Kundgebungsteilnehmern am Renthof zu.

Dirk Haas, Dezernent für Integration im Landkreis Gießen, sprach den Anwesenden ebenso aus dem Herzen: »Wir lassen uns unser buntes Zusammenleben nicht durch einige wenige Gestörte kaputt machen.«

Dass die Behörden keine rechtliche Handhabe hätten, die Provokation von Rechts zu untersagen, bat Landrätin Anita Schneider um Verständnis. »Wir können sie nur an den Rand der Städte drängen.« Unterm Beifall des Platzes verlangte die SPD-Politikerin endlich das Verbot der NPD. Eine Forderung, der sich Grünbergs Bürgermeister Frank Ide anschloss. Der zeigte sich zunächst »schockiert« vom Aufmarsch der Rechtsextremen am Bahnhof. »Sie haben nichts gelernt aus der Geschichte vor 80 Jahren.« Vielleicht, so der Freie Wähler, fänden die Politiker ja jetzt, im Zuge des NSU-Prozesses, den Mut, die NPD zu verbieten. Dass auch Grünberg eine Brutstätte für Neonazis sein könne, darüber sollte man sich bewusst sein: »In jeder Kommune brodelt es im Untergrund. « Wachsam sein, den Anfängen wehren, Neonazis und ihrer menschenverachtenden Ideologie die Rote Karte zeigen, war denn auch eine zentrale Botschaft der Gegendemonstranten, die solches Ansinnen beim abschließenden Zug durch die Stadt nochmals deutlich machten.

Rund zwei Stunden zuvor waren die ersten der rund 50 Teilnehmer an der Demo der Jungen Nationaldemokraten (JN), ein Großteil aus Wetzlar, ferner aus dem Hersfelder Raum und darüber hinaus, am Bahnhof Grünberg eingetroffen und von der Polizei in Empfang genommen worden.

Kurz vor 14 Uhr setzte sich der von starken Polizeikräften eskortierte Zug von der Stangenröder Straße aus Richtung Innenstadt in Marsch. Parolen wie »Nationaler Sozialismus – jetzt« oder »Grünberg – unsere Stadt« hallten kurz darauf durch die Bahnunterführung. Nach rund 100 Metern aber war Schluss: In der Mehrzahl Mitglieder der Antifa-Jugend sowie Grünberger Gegendemonstranten blockierten die Jahnstraße – und versperrten auch die Ausweichroute Bahnhofstraße. Der Weg in die Stadt, zum Kundgebungsort am Schloss war versperrt.

Die Polizei verhinderte jegliche Konfrontation, führte die protestierenden Rechtsextremen zurück zum Bahnhof. Den Wunsch nach einer Ersatz-Kundgebung vor dem Gebäude untersagten die Ordnungskräfte, wenig später hatte der letzte NPD-Jünger einen Zug Richtung bestiegen – gegen 15.30 Uhr war der braune Spuk vorbei.

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