Wenn das wahre Leben mindestens genauso spannend ist wie das Buch, das man geschrieben hat, fällt dem Publikum die Entscheidung zwischen Lesung und Erfahrungsbericht unter Umständen schwer. So geschehen am Sonntag als der Kunst- und Kulturkreis Wettenberg im Rahmen des Gießener Krimifestivals Christine Cazon eingeladen hatte.

»Endstation Côte d’Azur«, der vierte Fall von Commissaire Léon Duval, sollte gelesen werden. Doch zunächst interviewte Journalist Norbert Schmidt die sympathische Frau, die ursprünglich aus Heidelberg stammt und ihr Herz an unser Nachbarland Frankreich verloren hat. Inmitten einer privaten Krise beschloss Cazon, damals noch Dreher, animiert durch den französischen Film »Eine Schwalbe macht den Sommer«, ihr strukturiertes Leben in Köln hinter sich zu lassen, um ein Jahr auf einem französischen Bauernhof zu verbringen.

Sie kündigte beim Verlag Kiepenheuer und Witsch (KiWi), um sich in der rauen Berggegend der Seealpen einem vollkommen entschleunigten Lebensstil hinzugeben: arbeiten, essen, schlafen. Beim Käse ausliefern lernte die spätere Krimiautorin ihren ersten Ehemann Patric kennen, der jedoch an Krebs starb. Ab 2010 hangelte sich Cazon in Cannes durchs Leben. »Ich habe übersetzt, in einem feuchten Büro gearbeitet und das glamouröse Cannes sozusagen durch die Hintertür kennengelernt«, erzählt die Schriftstellerin in Wißmar bei Croissants und Café.

Da sie ihre fünf Jahre Leben in den Bergen in einem Blog verarbeitet hatte, blieb sie ihrem alten Verlag KiWi im Gedächtnis und bekam 2010 den Auftrag, in Cannes einen Lokal-Krimi zu schreiben. Daraus sind mittlerweile vier geworden. Der dritte und vierte Fall von Léon Duval waren jeweils kurz in den Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste vertreten. Mittlerweile ist Cazon auch wieder verheiratet und darf vor ihrem Ehemann nicht zu viel über Cannes schimpfen, doch »im Grunde ist es eine ganz normale Stadt. Menschen gehen zur Arbeit, bringen Kinder zur Schule, haben Hunger«.

Seit sieben Jahren gehören Straßenhändler zu den Nachbarn von Cazon. Sie hat die Autorin als Grundlage für den aktuellen Kriminalfall genommen. Am Vorzeigestrand Bijou-Plage wird ein toter Afrikaner gefunden. Die Ermittlungen ergeben, dass sich der Tote als fliegender Händler seinen Lebensunterhalt verdient hat und nicht wie zunächst vermutet, ein Flüchtling ist, der nachts die italienische Grenze überquert hat.

Cazon nimmt sich eines schwierigen Themas an. Die beißenden Gerüche in der Wohnung der Straßenhändler, die grauenhaften Zustände im Flüchtlingslager an der nahen italienischen Grenze, die Verzweiflung der dort arbeitenden Cafébesitzer werden sehr detailliert und realistisch beschrieben.

Das, was man so oft in den Nachrichten sieht, das, was sich weit weg anfühlt und doch so nah dran ist, das greift Cazon auf und lässt es erschreckend lebendig werden. Weil sie es täglich sieht. »Menschen sitzen an einer Bushaltestelle und irgendwann merkst du, dass sie gar nicht auf den Bus warten. Mit der Zeit bekommt man einen Blick für sie«, beschreibt Cazon den Alltag. Sie – das sind die Flüchtlinge, die neben den Reichen und Schönen in Cannes leben. In Cannes, aber eben auch in vielen anderen Hafenstädten Europas. Als ein zweiter Toter gefunden wird, ist den Ermittlern um Commissaire Duval klar, dass etwas ganz anderes als zunächst vermutet hinter der Sache stecken muss. Ein absolut spannender Krimi mit hohem Realitätsbezug. (Foto: sis)

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