Handy am Steuer

Sensenmann grüßt Autofahrer

Ein gewohntes Bild: Der Mann hinterm Lenkrad mit dem Handy am Ohr. Auf das hohe Unfallrisiko des Telefonierens am Steuer macht nun die neue Plakataktion der Initiative »Sicher unterwegs in Hessen« aufmerksam.
07. Dezember 2017, 13:00 Uhr
An der B 457 bei Hungen montieren Bernd Dörr (l.) und Joachim Hoffmann von der Straßenmeisterei Grünberg das neue Schild von »Sicher unterwegs in Hessen«. Mit den Plakaten sollen Autofahrer für die Gefahren der Handynutzung am Steuer sensibilisiert werden. (Foto: Möll)

Alljährlich geht das Aktionsbündnis für Verkehrssicherheit mit neuen, teils drastischen Plakatmotiven an die Öffentlichkeit. Die neue Kampagne entbehrt nicht einer Prise schwarzen Humors: Das Schild zeigt eine Frau, die am Steuer mit dem Handy hantiert, der Tod, dargestellt als Sensenmann, verabschiedet sich mit den Worten »Bis gleich«.

Das Bündnis – getragen von ADAC, Landesverkehrswacht, Hessischem Rundfunk, TÜV und Landesregierung – will mit den Plakaten vor der gefährlichen Unsitte warnen, für die hohen Risiken sensibilisieren: »Mindestens zwei Sekunden dauert ein Blick beim Autofahren aufs Handy. Bei einer Geschwindigkeit von 80 km/h sind das etwa 50 Meter Blindflug. In dieser Zeit lässt sich auf die Gegenfahrbahn kommen, werden andere Verkehrsteilnehmer, Radfahrer oder Fußgänger, gefährdet.« Abgelenkte Autofahrer seien mit einer der häufigsten Ursachen für Unfälle. Nicht selten endeten diese tödlich, mahnen die Experten für Verkehrssicherheit. »Beim Telefonieren«, wird Bernd Pund vom TÜV Hessen zitiert, »kriegt man nur eingeschränkt mit, was auf der Straße passiert. Das funktioniert auf gerader Strecke noch ein wenig, beim Bremsen, in Kurven oder anderen Herausforderungen wird es unmöglich. Die meisten von uns sind Social-Media-Nutzer. Treten sie zeitgleich als Kfz-Nutzer auf, entsteht ein Spannungsfeld samt Konflikt.« Der Mensch, so der Verkehrspsychologe, sei nun mal nicht multitaskingfähig, könne von Natur aus nicht mehrere Aufgaben nebeneinander ausführen.

»Sicher unterwegs in Hessen« nennt sodann Zahlen zum Worst Case: Allein auf Hessen Straßen kamen im vergangenen Jahr 271 Menschen ums Leben. Allerdings existierten kaum statistische Daten, bei wie viel Prozent der Unfälle Ablenkung im Spiel war.

Eine Feststellung, die von Jörg Reinemer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, bestätigt wird. Nur ganz vereinzelt, bei schweren Unfällen, wenn etwa dabei jemand zu Tode komme, würden Handydaten ausgelesen. Grundsätzlich bedürfe es dafür eines richterlichen Beschlusses.

 

Und wenn er sich am Ohr kratzt?

 

Die Polizei (auch) im Mittelhessischen nimmt in jüngster Zeit die »Handy-Sünder« verstärkt ins Visier. Laut Reinemer machen die Beamten bei den innerörtlichen Verkehrskontrollen die Erfahrung, dass immer mehr Autofahrer das Verbot missachten. »Nicht nur das Telefonieren, auch das Tippen auf dem Smartphone nimmt zu.« Bis zu einem Viertel der angehaltenen Fahrer seien dabei erwischt worden. Das von 60 auf 100 Euro erhöhte Bußgeld scheint also kaum abzuschrecken. Was das magere Datenmaterial angeht, so helfen auch (nicht repräsentative) Blitzerdaten aus unserer Region nicht viel weiter: Beim gemeinsamen Ortspolizeibezirk im Ostkreis unter Federführung Laubachs wurden 2017 rund 3000 Raser erwischt. Nur für vier aber gab es ein zweites Knöllchen wegen des Handyverbots. In den Vorjahren war es nicht viel anders. Allerdings, so Hauptamtsleiters Andreas Stuff: »Die Dunkelziffer liegt höher.« Aus Erfahrung mit der schwierigen Beweisführung vor Gericht würden nur jene Fälle geahndet, »bei denen zu 100 Prozent sicher ist, dass er oder sie sich nicht mit der Hand am Ohr kratzt.«

Wie sieht es aus, wenn es keiner Hände zum Telefonieren bedarf, wie steht die Polizei zu Freisprecheinrichtungen? Polizeisprecher Reinemer verweist dazu auf die Straßenverkehrsordnung, wonach alles, was nicht »übermäßig ablenkt«, erlaubt ist. Radiohören, etwas essen oder das Gespräch mit dem Beifahrer, sofern es nicht in Streit ausartet, zählen gewiss dazu. Für Reinemer auch das Gespräch via Freisprecheinrichtung, »zumal es die bessere Alternative ist.« Etwas anders sieht das »Sicher unterwegs in Hessen«: Nach dessen Dafürhalten lenken auch Essen und Trinken, Rauchen, Körperpflege, Stress sowie Gespräche mit weiteren Personen im Auto ab.

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