Heimische Wälder

»Nicht nur an den Regenwald denken«

Ein Besuch im Rabenauer »RoederForst« zeigt: Heimische Waldbesitzer stehen vor neuen Herausforderungen. Vielen Menschen ist das Verständnis für den Wald verloren gegangen.
27. März 2017, 17:22 Uhr
Unterwegs im RoederForst (Foto: tb)

Für den Hessischen Waldbesitzerverband (HWB) tut Aufklärung not, nicht nur, aber gerade auch zum Internationalen Tag des Waldes, der kürzlich begangen wurde. »Nicht nur die bedrohten tropischen Urwälder verdienen unsere Beachtung«, sagt HWB-Präsident Freiherr von der Tann, »vor allem unsere heimischen Wälder sind es, die wichtige Funktionen erfüllen. Sie bieten Erholung, erfüllen wichtige Klimafunktionen, sind als komplexe Ökosysteme Heimat unzähliger Tiere und Pflanzen – und spielen auch als Wirtschaftsfaktor in Hessen keine geringe Rolle.«

 

7500 Setzlinge gepflanzt

 

Auf dass also die Öffentlichkeit vor lauter Regenwald nicht die heimischen Bäume übersieht, gab es zum Tag des Waldes hessenweit Pflanzaktionen. Auch in den Besitzungen von Philip Freiherr Roeder von Diersburg. Seine Familie bewirtschaftet seit Jahrhunderten schon Waldflächen in der Rabenau. Zur Aufklärung, zum Innehalten, gerade jetzt, sieht auch der Freiherr allen Anlass: Vor zehn Jahren nämlich war’s, dass »Kyrill« in einer Nacht alleine in Hessen 73 000 Hektar Wald verwüstete.

Und der Orkan machte – wie bereits seine Vorgängerin »Wiebke« 1990 – keinen Bogen um den 500 Hektar großen »RoederForst«: »Wir hatten große Kalamitäten, jeweils rund 70 Hektar lagen darnieder, mussten wiederaufgeforstet werden. Folgeschäden durch Käfer und Trockenheit kamen hinzu«, erklärt der 47-Jährige beim Ortstermin im Forst oberhalb des Londorfer Steinbruchs.

Slowakische Forstarbeiter sind dort gerade damit beschäftigt, 7500 junge Tannen, Lärchen, Douglasien und Fichten zu pflanzen. Verteilt auf rund drei Hektar.

 

Naturverjüngung ist das Ziel

 

Rund drei Viertel der Deutschen leben heute in Städten. Für die meisten von ihnen ist der Wald etwas Selbstverständliches. Aber auch im ländlichen Raum ist vielen Menschen das Verständnis für den Wald verloren gegangen.

Anders, weiß auch Roeder von Diersburg, war das noch vor wenigen Jahrzehnten: Pflanzarbeiten wurden noch nicht an Fremdfirmen vergeben, bescherten den Frauen ein Zubrot. Und die Männer gingen jeden Winter zum Holzmachen in den Wald.

Das Leben der Landbevölkerung hat sich lange schon geändert. Nicht anders im Forst, der sich – abgesehen von der 300 Jahre alten »Konstante« des Nachhaltigkeitsprinzips – neuen Herausforderungen gegenüber sieht. Womit nicht nur der Klimawandel gemeint ist, der auch dem hiesigen Kulturwald zusetzt und andere Methoden der Hege und Pflege erfordert.

Beim Gang durch mehrere »Waldbilder« des »RoederForst« stehen zunächst aber die Spätfolgen der beiden Orkane im Fokus. Die rissen insgesamt 140 Hektar große Lücken in den Wald – mehr als ein Viertel der Gesamtfläche! Mit der an sich schon aufwendigen Wiederaufforstung allein war es nicht getan: Jahrelange Kontrolle, Pflege, Nachpflanzungen wegen Ausfalls durch Gras, Trockenheit, Rüsselkäfer oder Wildschäden kamen hinzu. Mindestens 20 Jahreseinschläge konnten laut Roeder von Diersburg nur zu minderen Preisen verwertet werden. Die Mindereinnahme beziffert er auf 5000 bis 10 000 Euro – je Hektar. Zudem sanken natürlich die Einnahmen aus dem Einschlag aufgrund der fehlenden Jahrgänge; vor allem 30 bis 70 Jahre alte Fichten.

Als weitere Hauptbaumart wächst auf Rabenaus Basaltböden die Buche, Eiche, Ahorn, Erle, Esche, Kirsche, Birke, Douglasie, Lärche und Kiefer kommen hinzu. Eine Durchmischung, auf die der Forstmann auch in Zukunft setzt. Kurz: Ein artenreicher Wald mit hohem Biotopwert statt Monokultur.

Das zeigt sich auch an diesem Morgen: Auf einer kleinen Fläche am Wegesrand haben die Männer aus der Hohen Tatra junge Tannen gesetzt. Hierzulande sei diese Art fast ausgestorben, erklärt Roeder von Diersburg, dabei passe sie mit ihren Flachwurzeln und der Lichtverhältnisse wegen gut in seinen Wald, stehte auch in Sache »Nutzbarkeit« der Fichte in nichts nach.

Erst vor zwei Jahren hat er den Forst vom Vater übernommen. Neben der Aufforstung nennt der 47-Jährige als Herausforderung die Umstellung auf naturnahe Forstwirtschaft. Heißt nicht zuletzt: Naturverjüngung. Ziel sind Bestände, in denen unterschiedliche standortgerechte Arten in unterschiedlichen Altersklassen wachsen und sich verjüngen. Gras und Brombeeren aber wuchern heute auf den Lichtungen geradezu, ersticken die Verjüngung durch »Vorwüchsigkeit«. Dass damit ein höherer Pflegeaufwand einhergeht, versteht sich von selbst.

 

Artenreichtum statt Monokultur

 

Im »Roeder-Forst« gibt es fast keine Zäune. Für sehr seltene Arten wie die Tanne bedarf es daher eines sehr teuren Einzelschutzes. Sei’s drum: »Alle Hauptbaumarten«, so von Diersburg, »müssen ohne Schutz aufwachsen können. Damit soll die Nutz- und Schutzfunktion des Waldes für die Zukunft gesichert werden.«

Zu den neueren Herausforderungen gehören für alle Waldbesitzer unserer Breitengrade die Folgen des Klimawandels. Dazu zählen häufigere Kalamitäten bzw. deren Folgen, vor allem Sturm, Käfer, Trockenheit, aber auch ein überhöhter Wildbestand. Adrian Kober, Jäger im Roeder’schen Wald und beim Ortstermin dabei, kommt da auf eine andere »Zielgruppe«« zu sprechen: »Für das Schwarzwild ist heute das ganze Jahr der Tisch gedeckt.« Keine strengen Winter, dazu das verbesserte Nahrungsangebot auf den Äckern begünstigen sich gegenseitig, die Population wächst und wächst. Wobei dem hiesigen Forst vor allem das Rehwild schade.

Roeder von Diersburg sieht weitere Probleme aus der Marktsituation (»staatliche Quasimonopolstellung«) sowie aus Öko-Siegeln oder Zertifizierungen wie PEFC erwachsen, seien die doch wenig vergleichbar, kosteten aber viel Geld. Für ihn »falsch verstandener Umweltschutz«.

Am Ende verweist er noch auf Herausforderungen gesellschaftspolitischer Art, den Wandel der »öffentlichen Wahrnehmung hin zu einem Wunschdenken«: Autoren wie Peter Wohlleben mit ihrer romantisierenden Sicht auf den Wald förderten den »Traum von unberührter Natur – bei Menschen, die sich doch selber schon stark von der Natur entfernt haben«.

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