Früherkennung

Habe ich Brustkrebs?

Das Mammographie-Screening bereitet vielen Frauen ein mulmiges Gefühl. Wie läuft die Früherkennung von Brustkrebs ab? Und was sagt eine Expertin zu dieser Reihenuntersuchung?
12. August 2017, 18:00 Uhr
Alle zwei Jahre haben Frauen im Alter zwischen 50 und 69 in Deutschland Anspruch auf eine Mammographie. 57 Prozent beteiligen sich an dieser Reihenuntersuchung zur Früherkennung von Brustkrebs. Das Archivbild zeigt eine Mammographie an der Universitätsklinik in Münster.. (Foto: dpa)

Kurz nach meinem 50. Geburtstag habe ich diese Einladung zum ersten Mal bekommen: »Sehr geehrte Frau Sommerlad, in Deutschland haben alle Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren die Möglichkeit, am Programm zur Früherkennung von Brustkrebs teilzunehmen. Gern schlagen wir Ihnen folgenden Termin vor...« Ich habe damals abgesagt und zwei Jahre später wieder. Jetzt kam die Einladung zu dritten Mal und diesmal bin ich hingegangen, allerdings mit Hintergedanken: um diese Reportage zu schreiben.

Das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, ist für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren am größten. Zwischen 2005 und 2009 wurde das Mammographie-Screening in Deutschland flächendeckend eingeführ. Es bietet allen Frauen dieser Altersgruppe alle zwei Jahre eine Röntgenuntersuchung der Brust an. Das Programm zielt darauf ab, Brustkrebs in einem möglichst frühen Stadium zu erkennen und so die Heilungschancen zu erhöhen. Klingt erstmal gut. Wenn 1000 Frauen zehn Jahre lang regelmäßig am Screening-Programm teilnehmen, werden eine oder zwei von ihnen vor einem Tod durch Brustkrebs bewahrt. Das sagt die Statistik. Sie sagt aber noch etwas anderes. Fünf bis sieben Frauen erhalten eine Überdiagnose.

Der wichtigste Vorteil: Die Mammographie kann Brustkrebs im Frühstadium entdecken. Der wichtigste Nachteil: Die Mammographie kann zu unnötigen Brustkrebs-Diagnosen führen

Aus der Info-Broschüre

Bei ihnen werden Gewebeveränderungen diagnostiziert, die ohne Mammographie unentdeckt und zu Lebzeiten der Betroffenen harmlos geblieben wären. Leider lassen sie sich nicht von bösartigen Tumoren unterscheiden. Fünf bis sieben Frauen werden deshalb unnötigerweise zu Krebspatientinnen. Ob die Vorteile oder die Nachteile schwerer wiegen, muss jede Frau für sich selbst abwägen. So steht es in der Broschüre, die der Einladung zum Screening beigefügt ist. Und so sagte es auch meine Frauenärztin, als ich sie auf das Thema ansprach. Sie selbst geht übrigens zur Mammographie.
 

Ich habe mich zweimal anders entschieden. Aber diesmal treibt mich die professionelle Neugier an einem regnerischen Vormittag auf einen großen Parkplatz. Dort steht eines der beiden Mammamobile, die die zuständige Screening-Einheit Marburg regelmäßig auf Tour durch Stadt und Kreis Gießen schickt. Ich steige eine Metalltreppe hoch und trete ein. Vorne sind ein Empfangstresen und ein kleiner Wartebereich untergebracht, hinten sehe ich drei Türen. Zwei führen zu Umkleidekabinen, die dritte zum Untersuchungsraum, in dem zwei Radiologieassistentinnen Dienst schieben.

Untersuchung ohne Arzt

Dass bei der Mammographie üblicherweise keine Ärzte dabei sind, war mir schon bei der Einladung mitgeteilt worden. Wer Beratung wünscht, muss einen gesonderten Termin vereinbaren. Vor der Untersuchung muss ich noch einmal extra unterschreiben, dass ich auf mein Recht auf ein persönliches Aufklärungsgespräch verzichte. Ansonsten ist ein Fragebogen auszufüllen: persönliche Daten, Vorerkrankungen, Aufälligkeiten, solche Sachen. Während ich kritzele, betritt eine weitere Frau das Gefährt. Als sie mich sieht, guckt sie ein bisschen erschrocken. »Ausfüllen?« fragt sie in gebrochenem Deutsch. Sie kann nicht schreiben. Die junge Frau vom Empfang hilft ihr, die Verständigung ist schwierig. Ob diese Patientin wohl weiß, was in der 15seitigen Infobroschüre steht?

Ich werde in Umkleidekabine 1 geschickt, muss den Oberkörper frei machen und leider auch die Brille abziehen. Vom Untersuchungsraum sehe ich deshalb nur Schemen. Die Mammographie selbst ist schnell erledigt und tut auch nicht weh. Mir jedenfalls nicht. Bei manchen Frauen ist das aber wohl anders.

Rollende Röntgenpraxis: Das Mammamobil des Marburger Screening-Zentrums tourt regelmäßig durch Stadt und Kreis Gießen. Zuletzt machte es für einige Wochen im Stadtzentrum von Linden Station.	(Foto: us)
Rollende Röntgenpraxis: Das Mammamobil des Marburger Screening-Zentrums tourt regelmäßig d...

Vier Aufnahmen hat die Röntgenassistentin angefertigt, von jeder Brust zwei aus verschiedenen Perspektive. Zwei Ärztinnen oder Ärzte werden sich in den kommenden Tagen die Bilder unabhängig von einander anschauen. Falls ihnen etwas auffällt, werden sie einen weiteren Spezialisten hinzu ziehen.

Üblicherweise werden die Teilnehmerinnen innerhalb von zehn Tagen über das Ergebnis ihrer Untersuchung informiert. Bei mir und wohl auch den anderen Frauen an diesem Tag muss die Assistentin eine Einschränkung machen: »Wir machen bald Urlaub. Die Ärzte wissen nicht, ob sie vorher alles schaffen. Aber sie bemühen sich.«

Mir ist das egal, ich bin nicht weiter besorgt. Die Frau, die ich beim Rausgehen im Wartebereich treffe, empfindet ganz anders. »Haben die gesagt, wie lang man warten muss?« fragt sie beunruhigt. Ich erzähle, was ich eben gehört habe und sie seufzt. Sie sei familiär vorbelastet... Ich wünsche ihr alles Gute und trete hinaus in den Regen. Der Alltag hat mich wieder. Weniger als eine halbe Stunde habe ich im Mammamobil verbracht.

Antwort nach acht Tagen

Die Ärzte haben sich rangehalten. Schon acht Tage nach der Untersuchung bekomme ich Post. Mit leicht mulmigem Gefühl öffne ich den Brief. Und kann erleichtert aufatmen. Die Mammographie hat keinen Hinweis auf Brustkrebs erbracht. Damit bin ich der statistische Normalfall. Von 1000 untersuchten Frauen erhalten rund 970 einen unauffälligen Befund. Die anderen 30 müssen erneut zum Arzt. Bei sechs von ihnen wird sich der böse Verdacht schließlich erhärten.

Mir ist das erspart geblieben. Diesmal jedenfalls. In zwei Jahren werde ich erneut eine Einladung zur Mammographie bekommen. Bis dahin habe ich viel Zeit um nachzudenken, ob ich wieder hingehen möchte. Zur jährlichen Kontrolle bei meiner Frauenärztin gehe ich in jedem Fall.



Drei Fragen an Dr. Heike Köcker-Korus

 

Dr. Köcker-Korus (Foto: pm)
Dr. Köcker-Korus (Foto: pm)

Wie viele Patientinnen mit Brustkrebs betreuen Sie an der Asklepios Klinik Lich im Jahr?
Heike Köcker-Korus: Wir betreuen pro Jahr rund 150 Patientinnen mit primären MammaCa pro Jahr, dazu kommen etwa 100 Frauen, die langzeiterkrankt sind und deswegen über die Jahre weiter behandelt werden müssen.
Das Mammographie-Screening wurde in Deutschland zwischen 2005 und 2009 flächendeckend eingeführt. Wirkt sich diese Reihenuntersuchung auf Ihre Arbeit aus?
Köcker-Korus: Seit Einführung des Mammographie-Screenings hat sich unsere Therapie zugunsten kleinerer Tumore im Anfangsstadium verschoben und damit die Heilungschancen extrem verbessert. Wo wir früher eine große Anzahl T2- T4 Tumore (Tumore ab 2 cm) behandelt haben und damit auch mehr primär metastasierte Frauen sahen, gibt es jetzt überwiegend Frauen mit T1 Tumoren (erstes Größenstadium). Sie haben eine über 95-prozentige Heilungswahrscheinlichkeit. Häufig ohne die gefürchtete Chemotherapie.
Würden Sie Frauen zur Teilnahme am Screening raten?
Köcker-Korus: Insofern würde ich den Frauen in jedem Fall zur Teilnahme raten, denn die beste Erkennung einer Krebserkrankung ist die Früherkennung. Diese wirkt sich positiv auf Dauer und Art der notwendigen Behandlung und natürlich auch auf die Heilung aus.

Dr. Heike Köcker-Korus ist Teamchefärztin der Gynäkologie an der Asklepios Klinik Lich. Die Abteilung ist als Brustzentrum zertifiziert.

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