Die Hexe aus Grünberg und die lieben Zwerge

Die Walpurgisnacht steht vor der Tür. Für Manuela Schwarz ein ganz besonderes Ereignis, schließlich kann sie dann am besten mit Zwergen, Geistern, Toten und Mutter Erde kommunizieren. Die Grünbergerin ist eine Hexe, die die Seelen ihrer Kunden durch Trommelschläge reinigen will. Klingt merkwürdig? Willkommen in der Welt des Schamanismus.
21. April 2016, 18:33 Uhr
(Foto: Christoph Hoffmann)

Das Haus in der Grünberger Jahnstraße ist unscheinbar. Kleiner Vorgarten, Bunte Topfpflanzen, ein gepflasterter Weg, der zur Haustüre führt. Kleinstadtidylle. Doch als Manuela Schwarz die Haustüre öffnet, bekommt die Normalität erste Risse. Die 51-Jährige trägt ein altertümliches Gewand, das sicherlich nicht im Otto-Katalog zu finden ist. »Herzlichen Willkommen, treten Sie herein«, sagt Schwarz und steuert die Treppe zum ersten Stock an. Und spätestens hier wird klar: So gewöhnlich das Haus auch sein mag, so einzigartig ist ihre Bewohnerin. Schwarz ist Heilpraktikerin. Aber vor allen ist sie Schamanin. Kräuterfrau. Und Hexe.

Die Grünbergerin betritt ihren »Kraftraum.« Laufband oder Crosstrainer sucht man hier vergebens. Dafür gibt es einen Altar, der mit Blumen, Kerzen und Figuren heidnischer Gottheiten geschmückt ist. Die Wand ziert das Gemälde eines Mannes, der ein Hirschgeweih auf den Kopf, einen Adler auf der Schulter und einen Hasen auf der Hand trägt. »Das ist der keltische Gott Cernunnus, Herr der Wälder und der Tiere«, erklärt Schwarz. Neben dem gehörnten Mann hängen mehrere Trommeln, auf einem Sideboard liegen Kristalle und Amulette. »Das hier zum Beispiel«, sagt Schwarz und greift nach einer kleinen eingeschweißten Kette, »hilft gegen Neid. Es nennt sich ›Gegen den Bösen Blick».« Doch was am meisten ins Auge sticht, sind die vielen Kräuter. Die Regale sind vollgestopft mit grünen Mischungen, gegen jedes Zipperlein hat die 51-Jährige etwas im Repertoire.

Schon als Kind sei sie von Kräutern fasziniert gewesen, erzählt Schwarz. »Meine Oma und ihre Schwester waren richtige Kräuterfrauen. Als Kind war ich immer mit ihnen unterwegs und habe die Pflanzen gesammelt.« Als Teenager habe sie sich sogar ihre eigene Kräuterkosmetik hergestellt. »Später habe ich dann Drogistin gelernt, weil sich ein Großteil der Ausbildung mit Wildkräutern befasst.« 1993 folge eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Seitdem darf Schwarz auch Patienten behandeln.

Neben Akupunktur gehört vor allem der Einsatz von Kräutern zu Schwarz’ Behandlungsmethoden. Früher auch chinesische, heute konzentriere sie sich auf die heimischen. »Dort, wo die Kräuter wachsen, sind sie die richtigen für die Menschen, die dort leben. Deshalb werden sie schon seit Jahrtausenden genutzt.« Wildkräuter entgifteten und seien gut für Niere, Leber und Haut. Schwarz geht sogar so weit und sagt, dass sich die Kräuter in den Gärten nach den Bewohnern richten. »Wenn Sie ausziehen und jemand neues zieht ein, wachsen plötzlich auch andere Kräuter im Garten.«

Doch manchmal reichten Akupunktur und Kräuter nicht aus, zum Beispiel bei seelischen Leiden. »Dann begebe ich mich auf eine schamanische Reise«, sagt Schwarz und betritt das nebengelegene Behandlungszimmer. In der Ecke steht ein Schreibtisch, daneben eine mit Büchern bestückte Regalwand, an der Tapete hängen Abbildungen der menschlichen Anatomie. Darunter befindet sich eine Liege. Der Ausgangspunkt der schamanischen Reise. Die Grünbergerin erklärt das Prozedere: Während ihr Patient auf der Liege liegt, macht es sich Schwarz auf dem Boden gemütlich. Dann setzt sie sich Kopfhörer auf und lässt sich durch Trommelschläge in eine Art Trance versetzen. »Durch rhythmisches Trommeln werden die Gehirnwellen verändert. Das ist wissenschaftlich bewiesen.« Bei Folgendem dürften die Wissenschaftler jedoch ihre Zweifel haben: »Ich sehe dann praktisch mit dem inneren Auge. Ich überprüfe, ob die Organe in Ordnung sind und begebe mich auf die Suche nach dem Krafttier des Patienten.« Krafttier? Ja, sagt Schwarz. Jeder Mensch habe solch ein Schutzwesen, nach der Kindheit verlören es aber die meisten. »Das ist im Schamanismus eine häufige Krankheitsursache.« Ihre Aufgabe sei es dann, die Tiere zurückzuholen. »Anschließend blase ich die Tiere in das Herz- und Kronenchakra der Patienten.« Zu den schamanischen Reisen gehöre auch die Suche nach Teilen der Seele, die sich nach traumatischen Erlebnissen abgespaltet hätten. »Den Patienten geht es anschließend viel besser, sie strotzen nur so vor Kraft.« Schulmediziner würden wohl vom Placebo-Effekt sprechen, Schwarz glaubt indes fest an die Reinigung der Seele – und offensichtlich auch mehr und mehr andere Menschen.

In den letzten Jahren sei die Zahl ihrer Kunden deutlich gestiegen, sagt Schwarz. »Das liegt daran, dass Neid und Hass in der Welt zunehmen. Viele haben daher das Bedürfnis, etwas für sich zu tun. Sie suchen Schutz.« Besonders aus rauen Branchen kämen die Leute, zum Beispiel dem Finanzsektor. Auch viele Männer seien darunter.

Schwarz’ andere Leidenschaft ist hingegen eine exklusive Frauensache. Als Hexe zelebriert sie Jahreskreisfeste, demnächst steht das keltische Beltainfest an, hierzulande bekannt als Walpurgisnacht. Schwarz richtet sich dann mit Gleichgesinnten an den Himmelsrichtungen aus und reinigt ihre Aura mit Rauch. »Zu dieser Zeit ist auch das Tor zur Anderswelt weiter geöffnet«, sagt Schwarz, »man kann sich besser mit den Ahnen und Naturgeistern verbinden.« Drei davon, nämlich Zwerge, wohnten auch in ihrem Garten, beteuert die Grünbergerin. »Sie sorgen dafür, dass alles wächst.«

Schwarz weiß, dass das ziemlich verrückt klingt. »Es gibt viele Leute, die den Kopf schütteln. Das ist nunmal so, damit muss ich leben.« Und dann sagt sie noch etwas, das bei allem Zweifel viel Wahrheit beinhaltet: »Man sollte das machen, was einem Spaß macht. Auch beruflich. Und vor allem: Sich nicht davon abbringen lassen. Sonst wird man nicht glücklich.« Christoph Hoffmann

*

Am 30. April und 1. Mai versammeln sich Hexen und Hexen-Liebhaber zu einem Beltanefest auf der Burg Gleiberg. Die Veranstalter versprechen ein zauberhaftes Wochenende. Die Besucher erwarten Liveshows, Zauberei, Theater, ein Hexen-Markt, Musik und schaurig-schöne Gestalten. Los geht es am Samstag um 14 Uhr. Bis 23 Uhr herrscht ein buntes Markttreiben zu Live-Musik der Bands »heiter bis folkig« und »Blackfade«, die am Abend auf der Bühne zu sehen sein werden. Auch Manuela Schwarz wird vor Ort sein und Kräuter verkaufen. Am Sonntag beginnt das Fest bereits um 11 Uhr. Um 18 Uhr ist der Zauber dann vorbei.

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