Freiwilligendienst

"Das Leben ist nicht schwarz und weiß"

Im Sommer 2016 trat Esther Kalabis ihren Freiwilligendienst in Ecuador an. Ein Jahr lang hat sie in einem Kinderheim gearbeitet, dabei auch manches Vorurteil über die "Dritte Welt" erkannt.
14. November 2017, 18:00 Uhr
Esther Kalabis mit ihren Schützlingen, um die sie sich während ihres Freiwilligendienstes in Ecuador kümmerte. (Fotos: pm)

Erst mal was von der Welt sehen, reisen, die Spanisch-Kenntnisse verbessern. Danach stand auch Esther der Sinn, als sie das Abi in der Tasche hatte. Doch die 19-Jährige wollte mehr, für sie stand schon lange fest, dass sie sich in der »Auszeit« nach der Schule sozial engagieren wird. »Und dass es etwas mit Menschen sein muss« – Menschen jenseits unserer Welt des Überflusses.

Übers Basketballinternat nach Grünberg gelangt, entschied sich die gebürtige Darmstädterin für einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst. Ihre Wahl fiel auf ein Projekt in der Cuenca, einer Großstadt im Süden Ecuadors.

Weiche Knie bei der Abreise

Wie sie eingangs gesteht, habe sie bei der Abreise schon weiche Knie gehabt. »Ich ging in ein fremdes Land, beinahe alleine, ohne die Sprache richtig zu beherrschen, ohne genaue Ahnung, was mich erwartet.« Seien es offene Fragen zu ihrer Arbeit oder die Gefahr, in »kulturelle Fettnäpfchen« zu treten.

Esther Kalabis (l.) mit zwei Kolleginnen. (Foto: pm)
Esther Kalabis (l.) mit zwei Kolleginnen. (Foto: pm)

In Cuenca angekommen, sollte sie jedoch recht bald vertraut werden mit den fremden Sitten, nicht zuletzt dank der herzlichen Aufnahme in ihrer Gastfamilie. Was aber unser oft vorurteilsbehaftetes Bild über die Kriminalität in Südamerika betrifft, musste sie doch bald feststellen: Auch in Cuenza gibt es gefährliche Orte. »Nach 19 Uhr sollte man immer ein Taxi nehmen, und nicht allein auf der Straße rumlaufen!«.

Starke Verbindungen aufgebaut

Im September trat sie ihr Soziales Jahr an, arbeitete drei Tage im »Mi Otra Casa«. Ein Haus, in dem man sich um die Sprösslinge von Gefangenen kümmert, die dort ein warmes Essen erhalten, einfach mal nur Kind sein dürfen, Spaß haben, spielen. Sie half bei den Hausaufgaben, begleitete sie auf Ausflügen, etwa zu einer Theateraufführung. »Ich habe nichts verstanden, aber es war schön, die lachenden Gesichter zu beobachten.« Mit vielen fühlte sie bald eine starke Verbindung: »Sobald sie mich sahen, wurde ich umarmt. Mein Herz geht dabei noch heute auf«.

Zweite Einsatzstelle war ein Gefängnis, wo sie Englisch gab. »Die Jungs waren höflich, interessieren sich für die deutsche Kultur, fragten viel. Manchmal auch Unangenehmes, zum Beispiel, ob ich in festen Händen sei.« Die meisten aber machten kaum mit bei dem Unterricht, der doch ihre Chancen in der Freiheit, bei der Arbeitssuche verbessern sollte.

Korbjagd mit den Jungs ein Highlight

Doch bereitete ihr auch diese Arbeit Freude: »Ich unterhielt mich gern mit ihnen, hörte mir ihre Geschichten an.« Ein Highlight war für die talentierte Basketballerin, die im Zweitliga-Team des TSV Grünberg spielte, als sie mit den Jungs auf Korbjagd ging. »Dieses Land ist ja sehr ›machista‹, sie waren schon überrascht, dass eine Frau keine Probleme hat, auf ihrem Niveau mitzuhalten oder gar besser zu sein.«

Mit der Schaukel hoch über Cuenca. (Foto: pm)
Mit der Schaukel hoch über Cuenca. (Foto: pm)

Später unterrichtete sie auch im Frauengefängnis. Mit mehr Erfolg: Bei der Abschlussprüfung fiel keine der Schülerinnen durch. Für die »voluntaria« eine schöne Erfahrung, die nun auf ihre eindrücklichste zu sprechen kommt: »Weihnachten ist für mich ein Gefühl von Kälte, von einem warmen Ofen, heißem Kakao und Duft von Zimt und Keksen.« In Ecuador gab es das alles nicht, dafür 25 Grad im Schatten, kurze Hose, ein Cocktail in der Rechten!

Dank Ecuador die Pläne gefestigt

Kalabis ist froh, dass sie bei »Somos Familia« gelandet ist, so tolle, interessante Menschen sie begleiteten. Was hat sie sonst mitgenommen aus Ecuador? Zunächst, ganz pragmatisch, die Festigung ihrer Pläne, Sozialwissenschaften zu studieren. Und grundsätzlich: »Diese Erfahrung bringt mich menschlich so viel weiter. Ich habe gelernt, dass sich Vorurteile oft nicht bestätigen. Und vor allem ist das Leben nicht schwarz und weiß, dazwischen sind unglaublich viele Graustufen.«

Bei all dem Positiven übersieht sie nicht die Schattenseiten des entwicklungspolitischen Dienstes: »Nicht korrekt« etwa sei, dass man ohne Pädagogikausbildung als Lehrer arbeitet, einen Arbeitsplatz wegnimmt. Bei uns undenkbar, sei das in der sogenannten Dritten Welt okay. »Warum? Und warum ist das denn überhaupt ein Dritte-Welt-Land? Weil wir aus der Ersten Welt es ausgebeutet haben, es immer noch tun, aber es ist okay, weil wir ja helfen – bullshit.« Trotz allem würde sie jedem solch ein Soziales Jahr empfehlen, weit weg, im »globalen Süden der Welt«.

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