Wohnungslos

Immer mehr Junge ohne Obdach

Wer Justin Schömig danach fragt, warum er obdachlos geworden ist, bekommt die Antwort prompt: »Meine Mutter hat mich rausgeschmissen. Ganz einfach«, sagt der 19-Jährige.
17. Juni 2017, 09:00 Uhr
Für viele sind Obdachlose Menschen ohne Gesicht, die sich von der Gesellschaft abgekapselt haben. Klischeehaft werden sie in die Nähe von Alkohol und Drogen gerückt. Dabei sind die Ursachen der Wohnungslosigkeit vielfältig. Und jeder Obdachlose hat seine eigene Geschichte. (Foto: dpa)

»Ich habe viel Scheiße gebaut.« Mit einer eigenen Wohnung habe es nicht geklappt. »Der Markt ist eng.« Da habe er erst mal »Platte gemacht«, unter freiem Himmel geschlafen. Zusammen mit zwei anderen jungen Männern, die ihren Namen nicht sagen wollen und sich lieber Alex (24) und Jan (20) nennen, sitzt Justin in der Obdachlosenhilfe der Diakonie in Groß-Gerau an einem Tisch. Die drei erzählen, was in ihrem Leben schief gegangen ist, wo sie Fehler bei anderen, aber auch bei sich sehen. Auch bei Alex gab es daheim Streit mit der Mutter: »Das ging auf Dauer nicht gut.«

Wohlfahrtsverbände nennen allgemein mehrere Gründe, warum Menschen das Dach über dem Kopf verlieren: hohe Mieten, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Trennungen, Süchte, psychische Probleme. Die Verbände gehen davon aus, dass in Deutschland wie in Hessen die Zahl der jungen Obdachlosen zunimmt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin begründet dies mit der insgesamt steigenden Zahl der Obdachlosen. Sie werde einer Prognose zufolge bundesweit von einem Höchststand von 335 000 2014 bis 2018 auf rund 536 000 zunehmen, auch durch Zuwanderung von EU-Bürgern und Asylbewerber. Schon seit einigen Jahren sei etwa jeder Fünfte jung, gehöre zur Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen. Genauere Zahlen für Bundesländer fehlen meist, laut Sozialministerium in Wiesbaden auch für Hessen. Im neuen Landessozialbericht sollen aber »auch obdachlose Jugendlichen ein besonderer Schwerpunkt« werden. Die Veröffentlichung sei in der zweiten Jahreshälfte geplant. Von der Liga der Freien Wohlfahrtspflege gibt es Stichtagserhebungen. Die Gesamtzahl der dabei erfassten Obdachlosen schwankte zwischen rund 3200 (2011), fast 3900 (2013) und annähernd 3100 (2015) – und dürfte nach Prognosen auf über 4000 bei der Erhebung im November 2017 steigen.

Die tatsächliche Zahl Wohnungsloser in Hessen sei aber wesentlich höher, schätzt die Liga ein. Die Erhebungen ließen keine Rückschlüsse auf die Gesamtzahl zu. »Es kommen heute mehr Jüngere ins Stolpern als früher«, fasst die Sozialarbeiterin Silke Rascher (39) in der Diakonie in Groß-Gerau mit Blick auf die drei jungen Männer ihre Erfahrungen zusammen. »Den klassischen Weg in die Wohnungslosigkeit gibt es aber nicht.«

So unterschiedlich das Leben von Alex, Jan und Justin ist, es fallen auch Gemeinsamkeiten auf. Zum Beispiel, wenn Jan seine Meinung über Behörden sagt: »Ich habe gelernt, dass man bei den Ämtern nerven muss, wenn man etwas erreichen will.« Kaum ist der Satz gefallen, stimmen Justin und Alex ihm mit einem lauten »Oh, ja!« zu. So auch, wenn Alex erzählt: »Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung. Es ist schon schwer, etwas zu finden, wenn man keine Meldeadresse hat.« Da schließt sich Jan gleich an: »Dieser Teufelskreis ist das Problem.« Als einer der drei meint, sein Vater habe ihm im Stich gelassen und nicht geholfen, melden sich auch die beiden anderen zu Wort: »Meinen Vater kann man vergessen.«

Die genannten Erfahrungen sind offenbar keine Einzelfälle. »Viele junge Menschen werden in den Elternhäusern nicht mehr geduldet«, sagt Stefan Gillich (59) von der Liga der Freien Wohlfahrtspflege und der Diakonie Hessen.

Justin liegt am Ende des Treffens noch etwas besonders am Herzen: »Die Leute sehen nur die Gesamtzahl der Obdachlosen. Dann heißt es, die nehmen alle Drogen und trinken alle Alkohol«. Das sei bei ihm wie auch bei anderen nicht der Fall. Er wolle nicht abgestempelt werden. »Ich möchte ein Mensch sein und kein Objekt.«

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