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Hells-Angels-Prozess: Ein Jahr nach den Schüssen

Rund ein Jahr nach Schüssen mitten in der Frankfurter Innenstadt hat der Prozess gegen ein Mitglied der Hells Angels begonnen. Die Vorgeschichte ist eng mit Gießen und Aygün Mucuk verknüpft.
19. Mai 2017, 18:13 Uhr
Ein Jahr nach den Schüssen in der Frankfurter Innenstadt: Der angeklagte Hells Angel (2. v. l.) im Landgericht Frankfurt. Rechts sein Verteidiger Michael Oberwinder. (Foto: dpa)

Am Freitag wurde vor dem Landgericht Frankfurt die Anklage verlesen. Diese lautet auf versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung. Der zur Tatzeit 56 Jahre alte Angeklagte soll einer von zwei Schützen sein, die am Nachmittag des Himmelfahrtstages 2016 auf einem belebten Platz auf einen Geländewagen geschossen haben. Zwei Männer wurden dabei schwer verletzt. Eine Frau, die auch im Auto saß, blieb unverletzt. Der Angeklagte schweigt vor Gericht. Sein Komplize (38) ist noch auf der Flucht.

Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen startet in Frankfurt der Hells-Angels-Prozess. (Foto: dpa)
Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen startet in Frankfurt der Hells-Angels-Prozess. (Foto: ...


 
Über 70 Zeugen geladen
 
Der Schießerei sollen laut Anklage »wiederholte Streitereien« zwischen den Hells Angels vorausgegangen sein. Um diese beizulegen, habe es am 4. März 2016 in einem Hotel am Frankfurter Flughafen eine Treffen mehrerer hochrangiger Hells Angels gegeben. Dabei soll der 41-Jährige dem Vizepräsidenten des verbotenen Charters Westend mit einem Kopfstoß das Nasenbein gebrochen haben. Deshalb sei er von den Hells Angels ausgeschlossen worden und habe nach deren Regeln jederzeit von den Clubmitgliedern – auch angehenden – angegriffen werden dürfen, sagte der Staatsanwalt.

Am Himmelfahrtstag wurde der Ausgeschlossene (41) dann von zwei Männern – laut Staatsanwaltschaft dem Angeklagten und seinem flüchtigen Komplizen – mit mehreren Schüssen lebensgefährlich verletzt. Ein anderer Insasse (20) in dem Wagen erlitt eine schwere Bein- und Knieverletzung. Er soll nicht zu den Hells Angels gehören und nach Aussage eines Zeugen ein Cousin des 41-Jährigen sein. Im Auto saß zudem eine Frau, wohl die Freundin des lebensgefährlich verletzten 41-Jährigen. Die Schützen saßen laut Anklage bei schönem Wetter in einer Gruppe an einem Tisch vor einem Café und seien plötzlich aufgestanden, als der weiße Geländewagen vorbei fuhr und halten musste. Der flüchtige Täter habe durch die Windschutzscheibe mindestens vier Schüsse auf den 41-Jährigen abgefeuert, drei trafen ihn im Oberkörper und einer blieb in der Kopfstütze stecken. Der Angeklagte sei unterdessen um das Auto zur Fahrertür gelaufen. Der Fahrer habe die Tür geöffnet, ein bis fünf Schüsse abgegeben und den Angeklagten mit einem Streifschuss am Bauch getroffen. Der Angeklagte selbst schoss laut Staatsanwaltschaft mindestens zweimal, traf den 20-Jährigen auf dem Rücksitz und verletzte ihn schwer am Bein.

Urteil frühestens Ende August

Was ist der Angeklagte für ein Mensch? Dazu sollen die ersten beiden Zeugen etwas beitragen: ein 49-jähriger Frankfurter und seine 50 Jahre alte Frau. Der Angeklagte ist der Taufpate der Tochter (25). Man habe sich aber vor 15, 20 Jahren aus den Augen verloren, sagt das Paar. Damals sei der inzwischen längst geschiedene Angeklagte noch verheiratet gewesen, und die Paare hätten viel gemeinsam unternommen.
Warum der Kontakt abriss? »Dann ist jeder seiner Wege gegangen: Arbeit, Familie«, sagt der Mann, der den Angeklagten vor gut 30 Jahren beim Jiu-Jitsu kennenlernte. Als »nett, lustig, ganz locker«, beschreibt er ihn.
Die Schwurgerichtskammer hat mehr als 70 Zeugen und fünf Sachverständige geladen. Mit einem Urteil wird frühestens am 16. Verhandlungstag Ende August gerechnet.
 
Vorgeschichte mit Gießen verknüpft
 
Zur Vorgeschichte: Im Juli vor zwei Jahren werden bei einer Schießerei am Rande des Frankfurter Bahnhofsviertels fünf Männer verletzt. Einer von ihnen: Aygün Mucuk aus Gießen, ehemals Mitglied der Frankfurter, nun mit eigenen Machtansprüchen. Am Rande des Bahnhofsviertels sind er und seine Jungs die Aggressoren. In jedem Fall ist der Angriff ein Affront gegen den starken Mann von Frankfurt, den dortigen Präsident »Schnitzel-Walter« Burkhard und seine Traditionalisten. Eine der Kugeln jedenfalls, die vor dem »Katana-Club« durch die Luft fliegen, trifft Angreifer Mucuk, verfehlt sein Herz nur knapp. Jener Hells Angel, der auf ihn geschossen hatte, wurde nicht verurteilt: Notwehr. Das Gießener Charter war damals offiziell noch nicht einmal gegründet. Erst wenige Monate später holten Mucuk und seine Männer das nach.

Kein dauerhafter Friede

Über ein Jahr bleibt es ruhig. Doch von einem andauernden Frieden kann keine Rede sein, wie sich dann am Vatertag 2016 zeigt. Zuvor hatte es ein Krisengespräch in einem Frankfurter Hotel gegeben, das für einen Beteiligten mit einer gebrochenen Nase endete. Aygün Mucuk soll mit am Tisch gesessen haben. Eines der Opfer der darauf folgenden Schießerei – das rausgeworfene Mitglied – war Mitglied der Hells Angels Nomads Turkey. Diese wiederum waren zentral an der Gründung des Gießener Charters beteiligt. Im Oktober 2016 wurde Mucuk vor dem Clubhaus »seines« Charters in Wißmar mit mehreren Schüssen hingerichtet.

Am Steuer des Wagens saß damals ein 41-Jähriger, der vorher nach einem Streit aus dem Rockerclub ausgeschlossen worden war. Es wurde daher über eine mögliche Racheaktion spekuliert. Der 41-Jährige sowie ein 20-Jähriger auf dem Rücksitz wurden schwer verletzt. Eine Frau auf dem Rücksitz blieb unverletzt. Das Gericht betonte mit Blick auf die Unverletzte, dass neben den angeklagten Vorwürfen auch versuchter Totschlag in Betracht komme. Der damals 38 Jahre alte mutmaßliche Komplize des Angeklagten ist noch immer auf der Flucht.


 

 



 

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