Hessen

So finden Sie den Traumberuf

Eine Arbeit, die auch Spaß macht, ist nicht bloß Luxus, meint Christine Schramm-Spehrer. Die erfahrene Berufsberaterin verrät im Interview, worauf es dabei ankommt.
22. April 2017, 17:00 Uhr
Eigene Interessen und Fähigkeiten sind wichtige Wegweiser zum Job, der glücklich macht, mein Christine Schramm-Spehrer von der Agentur für Arbeit Gießen. (Foto: edg)

Ich entspreche vielleicht nicht Ihren Vorstellungen einer Mitarbeiterin des Arbeitsagentur«, sagt Christine Schramm-Spehrer in die jungen Gesichter. Vorurteile räumt sie in dem Kurs für Studierende damit gleich zu Anfang aus. Das war vor knapp drei Jahren. Seminare wie »Das kann ich – Stärken erkennen und in der Bewerbung vermarkten« gibt die Berufsberaterin der Agentur für Arbeit Gießen immer noch. Im Hochschulteam berät sie Studierende und Absolventen. Seit über 30 Jahren beschäftigt sich die Diplom-Verwaltungswirtin mit dem Thema Job, zunächst als Arbeitsvermittlerin, dann als Beauftragte für Chancengleichheit. Mit uns spricht sie darüber, was einen guten Job ausmacht und warum ich so viel über mich selbst wissen muss bevor ich ihn finde.

Wie erkenne ich, ob ein Job zu mir passt?

Christine Schramm-Spehrer: Den Job sollte man gut können – und er muss Spaß machen. Das ist nicht nur Luxus. Wenn die Berufswahl nicht zu den eigenen Interessen und Fähigkeiten passt, kann’s schwierig werden.

Warum ist eine gute Berufswahl langfristig so wichtig?

Schramm-Spehrer: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass eine unpassende Berufswahl krank machen kann. Wenn ich zum Beispiel Lehrer bin und Angst davor habe, vor Gruppen zu sprechen, dann funktioniert das einfach nicht. Man kann es auch positiv formulieren. Ich mag da ein Beispiel von Dr. Eckart von Hirschhausen. Stellen Sie sich einen Pinguin vor. Auf dem Land watschelt er ungeschickt umher. Im Wasser aber schwimmt elegant – weil er in seinem Element ist. Auch Menschen merkt man das an und spürt es bei sich selbst. Eine Weile kann man Dinge machen, die einem weniger liegen. Langfristig sollte man aber in sein Element eintauchen.

Wie gehe ich die Berufswahl an?

Schramm-Spehrer: Das Erste wäre, sich zu überlegen, was kann ich gut und was mache ich gerne. Um die eigenen Kompetenzen und Interessen zu identifizieren, gibt es zum Beispiel Seminare, Selbsttests oder Fragebögen – solche Tests gibt es auch bei uns. Vielleicht kennt man die eigenen Talente selbst recht gut; hilfreich sind oft auch Fremdeinschätzungen.

Wer oder was kann mir helfen, meine Stärken zu erkennen?

Schramm-Spehrer: Wertvoll sind zum Beispiel Praktika, bei denen ich mit Arbeitgebern zu tun habe. Wenn ich gerne schreiben möchte, kann ich auch erst einmal im Internet bloggen und schauen, wie das bei den Lesern ankommt. Ich kann auch Freunde und Familie fragen, wie sie meine Kenntnisse einschätzen. Gerade Eltern können überfachlichen Kenntnisse und Soft Skills oft recht gut bewerten.

Finde ich in meiner eigenen Biografie Hinweise darauf, was ich gut kann?

Schramm-Spehrer: Ja, natürlich in der Schule, der Ausbildung oder dem Studium. Aber auch in Hobby oder Ehrenamt erwerben Sie Kompetenzen. Singen Sie zum Beispiel im Chor, vervollständigen Sie selbst oder mit Freunden den Satz: »Wer gut im Chor singen kann, der kann auch gut...«. Dabei kommen Sie vielleicht darauf, dass Sie sehr pünktlich sind, Veranstaltungen organisieren und sich gut in die Gemeinschaft einfügen können. Das können für den Beruf relevante Kompetenzen sein.

Welche Rolle spielt die persönliche Lebensplanung bei der Berufswahl?

Schramm-Spehrer: Es ist wichtig, persönliche Ziele zu identifizieren. Ich muss eine gewisse Zeitspanne überschauen, zum Beispiel die nächsten fünf Jahre. Wenn ich zum Beispiel eine Familie und ein Haus in der Region anstrebe, sollte ich keinen Studiengang wählen, für den es nur fünf Anstellungsmöglichkeiten mit einem geringen Gehalt am anderen Ende der Republik gibt. Zudem sollte man Prioritäten setzen. Berufswahl ist immer auch ein Kompromiss. Manche Leute wollen etwas Gutes tun, etwa bei einer NGO arbeiten. Dieser Stellen sind aber oft nicht so gut bezahlt und dann muss man sich entscheiden, was Priorität hat.

Wie finde ich mich in dem großen Angebot an Berufen zurecht?

Schramm-Spehrer: Das Angebot kann einen schon erschlagen. Es gibt in Deutschland gut 450 betriebliche Ausbildungen. Dazu kommen Fachschulausbildungen und 18 000 Studiengänge. Die Auswahl schrumpft allerdings, wenn Sie ihre Lebensplanung, Kompetenzen und Interessen miteinbeziehen. Passendes können Sie zum Beispiel im BerufeNet der Arbeitsagentur suchen.

Wie gehe ich konkret vor?

Schramm-Spehrer: Wenn Sie einen Bereich grob für sich identifiziert haben, schauen Sie, welche Kriterien Sie für sich herausgearbeitet haben. Wichtige Fragen sind zum Beispiel: Gibt es Zugangsvoraussetzungen? Welche Kompetenzen brauche ich? Wo gibt es die Ausbildung? Was verdiene ich? Muss ich Gebühren zahlen? Wenn Sie genug Informationen haben, treffen Sie eine Entscheidung. Dabei können wir auch unterstützen. Manche Leute fühlen sich massiv unter Druck, weil sie befürchten eine Entscheidung für das ganze Leben zu treffen. Aber: Man kann sich auch später neu orientieren.

Wann sollte man die Berufswahl starten?

Schramm-Spehrer: Ich mache das bereits mit Schülern in der sechsten Klasse, die ein Praktikum suchen. Das reicht bis zu Jugendlichen, die eine Ausbildungsstelle oder ein Studium anstreben. Auch bei einem Berufswechsel ist es sinnvoll, die eigenen Kompetenzen und Interessen erneut abzufragen. Ich berate auch Leute, die über 50 Jahre alt sind und noch einmal etwas Neues suchen.

Was ist, wenn es meine Situation oder der Arbeitsmarkt nicht erlauben, den Traumjob zu bekommen?

Schramm-Spehrer: Ich habe sehr viele Leute erlebt, die da angekommen sind, wo sie hinwollten – und wo sie hinpassen. Man muss sich selbst Zeit geben und ab und zu Kompromisse eingehen. Wenn mir zum Beispiel ein anderer Lebensbereich erst einmal wichtiger ist, ich etwa ein Kind bekomme oder einen Angehörigen pflege, komme ich vielleicht nicht gleich beim Traumjob an. Oft kann man aber auch im Berufsleben die Weichen immer wieder neu stellen.

 

Info

Wer hilft bei der Berufsfindung?

»Auch Menschen, die von uns kein Geld bekommen oder im SGB-II-Bezug sind, können sich von uns beraten lassen«, sagt Christine Schramm-Spehrer, Berufsberaterin im Hochschulteam der Agentur für Arbeit Gießen. Am besten sei es, diese Leistung schon in Anspruch zu nehmen, bevor man auf Arbeitslosengeld angewiesen sei. Die Agenturen für Arbeit bieten allgemeine Beratung an, erreichbar für Gießen, Wetterau und Vogelsberg unter der Nummer 08004 5555 00. Es gibt zudem Beauftragte für Chancengleichheit, für den Wiedereinstieg nach der Familienzeit sowie das Hochschulteam für Studieninteressierte und Studierende. Welche Anforderungen in einem Beruf auf einen Arbeitnehmer zukommen und welche Ausbildungswege dort hinführen, zeigt die Datenbank BerufeNet der Agenturen für Arbeit (www.berufenet.arbeitsagentur.de). Informationen zu Studium und Ausbildung gibt es unter www.hochschulkompass.de oder www.studienwahl.de. Weitere Tipps zur Recherche bietet das Heft der Agenturen für Arbeit »hesseninfo – Studium und Beruf«.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Agentur für Arbeit Gießen
  • Arbeitsagenturen
  • Arbeitssuche
  • Berufswahl
  • Chancengleichheit
  • Das Erste
  • Eckart von Hirschhausen
  • Interviews
  • Luxus
  • Seminare
  • Studenten
  • Traumberufe
  • Traumjobs
  • Eva Diehl
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 / 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.