Hessen

Hilferufe aus dem Klassenzimmer

Schlägereien auf dem Schulhof, desinteressierte Eltern und Kinder, die kaum Deutsch sprechen: Hessens Grundschulen stehen vor Herkulesaufgaben und fordern Hilfe vom Land.
12. März 2017, 16:34 Uhr

Von DPA , 3 Kommentare
Während sie die meisten Kinder auf den Start der Schulzeit freuen, klagen immer mehr Grundschullehrer in Hessen über steigende Belastungen. (Foto: dpa)

Viele hessische Grundschullehrer schlagen Alarm. Ganztagsangebote, Inklusion und Integration hätten das Arbeitspensum der Pädagogen massiv erhöht. Mehr als 100 Grundschulleiter aus Frankfurt und Darmstadt haben bereits vor Längerem Brandbriefe an Kultusminister Alexander Lorz (CDU) geschrieben. Zuletzt kam ein Schreiben von Wiesbadener Lehrern hinzu.

Erika Meyer ist seit 1978 Grundschullehrerin. In dieser Zeit habe sich eine Menge verändert, sagt sie und wirkt resigniert. »Die Überlastungsanzeigen wurden nicht erst nach Ankunft der Flüchtlinge gestellt, sondern es ist allgemein ein Problem, wie mit uns Grundschullehrern umgegangen wird«, kritisiert sie. »Wir werden nicht wertgeschätzt.«

»Wir haben an unserer Schule mehr als 90 Prozent Kinder, die einen Migrationshintergrund aufweisen. Es gibt nur noch ganz wenige, die aus einer deutschen Familie stammen«, erzählt Meyer und ihre Kollegin Rita Müller ergänzt: »Wir haben fast keine Mittelschichtkinder bei uns.« Viele Schüler kommen aus Familien, deren Heimatländer Marokko, Russland, Albanien, arabische Länder und EU-Länder sowie die Türkei sind. »Auf dem Schulhof sprechen unsere Schüler Deutsch, aber ein Deutsch, das immer schlechter wird, obwohl die Kinder zum Teil schon zur dritten Generation in Deutschland gehören«, schildert Meyer das Dilemma.


"Sprachdefizite sind enorm"

Zu Hause würden die Kinder weder die Heimatsprache noch die deutsche Sprache richtig sprechen. Ihre Kollegin Alexandra Schmidt ergänzt: »Wir haben aber leider das Gefühl, dass wir nur wenig vorwärts kommen, denn die Sprachdefizite sind einfach enorm.«

Wie kann in einer solchen Klasse ein geordneter Unterricht stattfinden? Die drei Lehrerinnen schauen sich an, dann erklärt Meyer: »Das ist nur zum Teil machbar, aber manchmal helfen uns auch andere Kinder, die schon weiter sind.«

Die sprachlichen Defizite seien jedoch nur ein Teil des Problems, versichern die drei Wiesbadener Lehrerinnen »Theoretisch würden einige Kinder schon verstehen, was wir sagen, aber sie hören gar nicht mehr zu. Zuhause läuft von morgens bis abends der Fernseher, einige Kinder schauen schon morgens vor der Schule fern.« Ihre Aussage ist klar: Die Eltern kümmern sich gar nicht oder falsch um ihren Nachwuchs.

Probleme bei der Jobsuche

»Wenn die Kinder spüren, meine Eltern haben Interesse an meinen schulischen Leistungen, dann kann es gelingen, dass es in der Schule gut läuft«, sagt Lehrerin Schmidt. »Wir können in der Schule die Defizite bei den Kindern zu Hause nicht wirklich auffangen. Das habe ich mir abgeschminkt.« Man merkt ihr die Frustration an. »Ich bin seit 40 Jahren Lehrerin. Wir sind aufgebrochen, soziale Ungleichheiten zu beseitigen«, sagt sie und gesteht ein: »Wir können den Vorsprung von anderen Schulen nicht aufholen.«

»Viele unserer Kinder haben später große Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden und eine Lehre zu machen«, ergänzt Meyer. Ein weiteres Problem ist ihrer Einschätzung nach, dass es immer mehr verhaltensauffällige Kinder gibt. »Das Aggressionspotenzial ist gewaltig gewachsen, woher das auch immer kommt«, bestätigt Lehrerin Müller.

Solche extremen Fälle kennt Daniela Grün nicht. Sie unterrichtet in einer Grundschule in Darmstadt. Aber auch dort liege einiges im Argen. »Wir haben so viele Aufgaben dazu bekommen, dass die Qualität des Unterrichts massiv leidet«, sagt sie. Die Integration behinderter Kinder und der Flüchtlingskinder sei kaum zu bewältigen.

Kultusminister Lorz sucht händeringend Grundschullehrer und hat allen Kollegen, die kurz vor der Pension stehen, angeboten, weiter zu unterrichten. Nehmen die Wiesbadener Lehrerinnen das Angebot an? »Nein, bestimmt nicht«, antwortet Schmidt, ihre Kolleginnen winken ebenfalls ab.

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