Ernährung

Nahrungsergänzungsmittel: Bedenklich oder gesund?

Sie sind total in Mode: Nahrungsergänzungsmittel. Doch nicht alle sind gesund. Wie sie überwacht werden und wo Kontrollen an Grenzen stoßen, erklärt Benjamin Hucke vom Landeslabor Hessen im Interview.
18. Mai 2017, 09:00 Uhr
Nahrungsergänzungsmittel gelten als Lebensmittel und unterliegen daher anderen Zulassungsbedingungen als Medikamente. (Foto: dpa)

Wenn hessische Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln falsche Angaben machen oder ihre Produkte gar schädlich sind, beginnt ihr Arbeitsfeld. Zwei Sachverständige für Nahrungsergänzungsmittel kontrollieren und beurteilen die Erzeugnisse für das Land Hessen. Einer von ihnen ist Benjamin Hucke. Der staatlich geprüfte Lebensmittelchemiker hat in Gießen studiert und arbeitet seit fast zwei Jahren beim Landesbetrieb Hessisches Landeslabor (LHL) in Kassel. Rund 700 Nahrungsergänzungsmittel hat das Labor im letzten Jahr analysiert, darunter viele Verdachtsproben. Welche Kriterien ein Produkt erfüllen muss und wie letztlich über eine Zulassung oder ein Verbot entschieden wird, erklärt Hucke im Interview.

Was sind Nahrungsergänzungsmittel? Wie unterscheiden sie sich von Arzneimitteln?

Benjamin Hucke
Benjamin Hucke

Benjamin Hucke: Ein Nahrungsergänzungsmittel ist zunächst einmal ein Lebensmittel. Auf nationaler Ebene regelt das die Nahrungsergänzungsmittelverordnung. Demnach muss ein Nahrungsergänzungsmittel drei Bedingungen erfüllen: Erstens: Es muss dazu bestimmt sein, die allgemeine Ernährung zu ergänzen. Zweitens: Es ist ein Konzentrat aus Nährstoffen oder sonstigen Stoffen, die eine ernährungsspezifische oder physiologische Wirkung haben. Dabei gibt es bestimmte Mindestmengen. Drittens: Es muss in dosierbarer Form vorliegen. Wenn wir etwa Kieselerde- oder Algenpulver haben, muss ein Messlöffel oder eine andere Dosierhilfe dabei sein.

Wie hoch sollten die Nährstoffe mindestens dosiert sein?

Hucke: Allgemein gilt: 15 Prozent der Referenzmenge eines Nährstoffes, also der pro Tag empfohlenen Menge. Für Vitamin C etwa gelten rund 80 Milligramm pro Tag als Referenzmenge. Das Nahrungsergänzungsmittel sollte in einer Tagesdosis daher mindestens zwölf Milligramm Vitamin C enthalten.

Wie unterscheiden sich Nahrungsergänzungsmittel von Arzneien?

Hucke: Anders als ein Nahrungsergänzungsmittel ist ein Arzneimittel rechtlich gesehen kein Lebensmittel. Arzneimittel sollen Krankheiten heilen, verhüten oder lindern. Über diese Eigenschaften verfügen Lebensmittel nicht.

Welche Stoffe dürfen in Nahrungsergänzungsmitteln enthalten sein, welche nicht?

Hucke: Zunächst alle Stoffe, die in der Nahrungsergänzungsmittelverordnung beziehungsweise in der entsprechenden Richtlinie eindeutig genannt sind, wie Vitamine und Mineralstoffe. Für Vitamin C sind zum Beispiel die reine L-Ascorbinsäure sowie deren Kalium-, Magnesium- und Zinksalze erlaubt. Enthält das Produkt weitere Stoffe, läuft es häufig auf eine Einzelfallentscheidung hinaus. Zum Beispiel gibt es Stoffe, die wir von Arzneimitteln kennen, die aber in geringen Mengen auch in Nahrungsergänzungsmittelen enthalten sein können.

Wer kontrolliert Nahrungsergänzungsmittel in Hessen? Welche Rolle spielt das Landeslabor?

Hucke: Wir haben in Deutschland keine Zulassungspflicht für Nahrungsergänzungsmittel. Letztlich liegt es daher vor allem in der Verantwortung des Herstellers, verkehrsfähige und sichere Nahrungsergänzungsmittel zu vermarkten. Bevor ein Hersteller ein Produkt in den Verkehr bringt, muss er dieses jedoch schriftlich beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit anzeigen und ein Etikett mit der Kennzeichnung hinterlegen. Die Anzeigen werden zentral in einer Datenbank gesammelt, auf die die Sachverständigen der Bundesländer Zugriff haben. Die Datenbank nutze ich, um gezielt neu angezeigte oder auch verdächtige Nahrungsergänzungsmittel zu beproben.

Sie veranlassen also die Untersuchung eines neuen Präparates in Hessen?

Hucke: Genau, das wäre ein Weg. Die Lebensmittelüberwachung in Hessen wurde vom Land den Kommunen übertragen und wird wiederum durch die Ämter für Veterinärwesen und Verbraucherschutz der Landkreise und kreisfreien Städte wahrgenommen. Bei diesen Ämtern kann ich ein Nahrungsergänzungsmittel anfordern, die diese bei lokalen Herstellern als Probe entnehmen. Hier in Kassel werden die Proben analysiert. Abteilungen des LHL untersuchen, ob deklarierte Inhaltsstoffe wie Vitamine in den angegebenen Mengen enthalten sind und ob nicht zulässige Stoffe verwendet wurden.

Wer entscheidet darüber, ob ein Nahrungsergänzungsmittel verboten oder zugelassen wird?

Hucke: Unsere Aufgabe sind Analyse, Recherche und Begutachtung. Wir geben eine rechtliche Beurteilung für jedes untersuchte Nahrungsergänzungsmittel ab. Die Entscheidung darüber, ob ein Produkt verkehrsfähig ist oder nicht, wird jedoch bei den Vollzugsbehörden, also den zuständigen Ämtern für Veterinärwesen und Verbraucherschutz oder Gerichten getroffen.

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