Regional

"Die Frau ohne Schatten" in Wiesbaden

15. September 2014, 13:22 Uhr

Lag da eine fies platzierte Bananenschale? Nein, ausgerechnet auf dem selbst inszenierten »Wasser des Lebens« rutscht der neue Intendant Uwe Eric Laufenberg aus, als er sich beim Schlussapplaus dem Wiesbadener Publikum stellt. Das böse Nass quillt im dritten Akt üppig aus dem Füllhorn der Tempelhüterin und lässt seine Antrittsarbeit im Großen Haus des Staatstheaters um Haaresbreite halsbrecherisch enden. Bei der Premierenfeier ist er wieder obenauf und ärgert sich, den Applaus »nicht geprobt« zu haben.

Die Schrecksekunde auf offener Bühne bleibt aber der einzige Ausrutscher des Intendanten. Was wirklich eine Leistung darstellt, denn Richard Strauss »Frau ohne Schatten« beizukommen, diesem heiß geliebten »Schmerzenskind«, bedeutet mit Samuel Beckett: »Wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern.« Möchte doch das vierte Opernprojekt von Hofmannsthal und Strauss einfach alles sein und nichts: Fernöstliches Märchen samt rätselhaftem Geisterreich, eine Art freudianisch gefärbte »Zauberflöte« und eine teils krude Abhandlung über Frau- und Muttersein, Zitate aus Goethes »Faust« inbegriffen. All das komponiert am Vorabend des Ersten Weltkriegs und in der Götterdämmerung der spätromantischen Oper.

Der respektvolle Ernst, mit dem sich Laufenberg dem schweren Stoff nähert, die sensible, der Musik fein abgelauschte Personenpsychologie und die sphärischen, immer aber klaren sozialen Bilder, die er gemeinsam mit Bühnenbildner Gisbert Jäkel entwickelt, weisen ihn als umsichtigen Künstler aus, dem Regiebrechstangen fremd sind. Deutlich schimmert das der neuen Spielzeit dezent unterlegte Motiv durch: »Die Ängste der Reichen – die Sehnsüchte der Armen«. Daher lebt die unfruchtbare Kaiserin bei ihm in einem exquisit ausgeleuchteten, aber sterilen Ambiente mit rundem Oberlicht, während die Ehe des Färberpaars an ihren prekären Armutsverhältnissen zu zerbrechen droht. Laufenberg macht in der inneren Wandlung der Kaiserin, in ihrer Entdeckung des Mitgefühls mit den Armen, die zentrale Botschaft des Werkes aus und zeigt die Versteinerung des Kaisers als Liebesabkehr und Metamorphose zu mörderischer Machtgier.
 
Hochkarätige Gäste
 
Musikalisch nimmt sich Generalmusikdirektor Zsolt Hamar, der das von Strauss geforderte Riesenorchester mangels Platzgründen auf 80 Mann herunterstutzt und Harfen und Schlagwerk in die Seitenlogen auslagert, deutlich zurück, so dass die Gastsänger nicht brüllen müssen, gestattet seinen Musikern aber in den Zwischenspielen wuchtige Blechexzentrik. Neu ist, dass wenig Ensemblemitglieder zu hören sind und alle Hauptpartien mit teils hochkarätigen Gästen besetzt sind. Die werden mit ihren Zeitverträgen ab jetzt in Serie singen und sollen für herausragende Qualität bürgen. Allen voran das Färberpaar Nicola Beller Carbone und Oliver Zwarg liefern auf der Bühne ein Stimmfest der Extraklasse ab und bestreiten mit ihrem gestisch packend ausgespielten Ringen um Liebe in sozialer Not die aufwühlendsten Szenen des Abends. Die amerikanische Mezzosopranistin Andrea Baker dagegen wandelt als mephistophelische Amme und düstere Gänsehautgarantie durch die lichten Räume, fällt aber ungut mit schneidenden Höhen und schlechter Textverständlichkeit auf.

Erika Sunnegårdh meistert ihre Rolle als lichtweiße Märchenkaiserin mit feinem Spiel und routinierter stimmlicher Soprannoblesse. Nicht ganz ihr Niveau trifft Tenor Thomas Piffka als Kaiser, während der Falke alias Gloria Rehm lyrische Sensibilität und tiefen Ernst im Spiel beweist. Die Orchestersoli, teils auf offener Bühne vorgetragen, und der geheimnisvoll raunende Chor der Ungeborenen aus den Seitenkulissen erzeugen übersinnliche Stimmungen.

Nach vier Stunden Spieldauer, zwei Pausen inklusive, scheinen die in den Hintergrund projizierten Friedenstauben und der Federn-, Blüten- und Kindersegen das ungetrübte Happy End einzuläuten. Doch der Schein trügt, die soziale Schere schließt sich nicht. Während die herzlichen Färbers mit einer Wagenladung voller Kinder abgehen, bleibt das einstige Kaiserpaar, jetzt als gut situierte Premierenbesucher gewandet, mit nur einem Sohn zurück. Dann richtet sich der bühnenbreite Goldspiegel genau auf die Besucher der teuren Plätze des Wiesbadener Hauses, deren Eintrittspreise Laufenberg erhöht hat, während die des dritten Ranges jetzt nie mehr kosten als zehn Euro. Eine klare Ansage. Bettina Boyens

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