Händels »Alessandro« bei den Maifestspielen in Wiesbaden

26. Mai 2013, 18:28 Uhr
Alessandro (Max Emanuel Cencic) strahlt zwischen zwei Prinzessinnen: Rossane (Blandine Staskiewicz, l.) und Lisaura (Adriana Kucerova). (Foto: Kaufhold)

Barockoper boomt. Und wenn so ein Knaller wieder ausgegraben und nach langer Zeit zur Aufführung neu eingerichtet ist, steigt die Spannung. Nach der hochgelobten CD-Produktion von Georg Friedrich Händels »Alessandro« ist nun das Spiel um den göttergleichen makedonischen Herrscher erstmals in fast identischer Besetzung in Szene gegangen. Die Europapremiere des Projektes von Armonia Atenea, Parnassus Arts, Opéra Royal de Versailles und des Händel-Festivals in Halle fand am Samstag im Rahmen der Maifestspiele in Wiesbaden ein restlos begeistertes Publikum. Jubel für »Alessandro« im Großen Haus! Händels Dreiakter wird danach szenisch in Versailles, Bad Lauchstedt und in Athen zu erleben sein, konzertant in weiteren europäischen Städten.

Die österreichisch-griechische Koproduktion mit dem Ensemble Armonia Atenea unter Leitung von George Petrou hat in Lucinda Childs eine kongeniale Regisseurin gefunden, die Barock und Gegenwart geschickt ausbalanciert und die Dramatis Personae sensibel führt; die Bühne von Paris Mexis mit der Spannung zwischen opulenten, historisierenden Kulissen und nüchternem Stage-Ambiente in den Kammerspielszenen unterstreicht effektvoll das turbulente Spiel um Krieg und Macht, um verzwickte Liebeswirrungen und Rivalentum, das schließlich mit der Versöhnung aller endet.

Prächtiger Kostümbarock und das Flair der Goldenen Zwanziger korrespondieren dabei miteinander. Die Handlung wird narrativ kommentiert von Tänzern (Childs ist professionelle Choreografin). Ein bemerkenswertes Aufgebot von Counterstimmen und zwei großartige Sängerinnen bringen Glanz auf den Spuren berühmter Bühnengrößen des 18. Jahrhunderts: des Kastraten Senesino, der Primadonnen Bordoni und Cuzzoni, Stars in Händels Londoner Produktionen. Senesino gab 1726 in der Uraufführung Alexander den Großen, dessen Historie dem Komponisten und seinem Librettisten Paolo Rolli als Folie diente.

Der unbestrittene Gesangsgott des aktuellen Abends war Max Emanuel Cencic, der mit Jaroussky und Mehta zum derzeit angesagtesten Trio hoher Männerstimmen zählt und in seiner flexiblen Mezzolage wohl die heldischste Tönung repräsentiert. Seine Intonation blieb selbst beim Steppen in königlichen Barockpumps ohne Fehl und Tadel.

Die dunkelste Klangfarbe als Countertenor brachte Xavier Sabata auf die Bühne als Tassile. Er liebt die skythische Prinzessin Lisaura, die wiederum Alessandro liebt. Diesen liebt auch die persische Prinzessin Rossana; er wiederum flirtet mit beiden. Das zeitigt unterhaltsamen Spott, Schmacht- und Zornesarien. Herrlich Lisauras emotionaler Ausbruch »No, più soffrir non voglio«, den Adriana Kucerova mit verzwirbelten Koloraturen zu rasselnden Bläser- und Streicherklängen zu einem der zahlreichen virtuosen Glanzlichter machte.

Äußerlich ebenso attraktiv und gesanglich auf der Höhe brillierte Blandine Staskiewicz als mondäne Rossane. Gelungen der Beginn des zweiten Aktes mit ihrer melancholischen Reflexion um Liebe und Sehnsucht bei Vollmond.

Ironie und Poesie gaben sich überaus häufig die Hand, und shakespearische Komik gewann die Publikumssympathie, als etwa der große Alexander heftig angetrunken seiner Angebeteten auf den Leib rückt, oder die von Tassile bedrängte Lisaura ihren inneren Zwiespalt mit Alkohol behandelt. Oder wenn an »Handel’s Bar« Männergespräche bei Schnaps- und Zigarettenkonsum stattfinden; hier und in pittoresken feldherrlichen Rollen bewährten sich der junge russische Countertenor Vasily Khoroshev als Cleone, der Tenor Juan Sancho als Leonato und Pavel Kudinov als Clito (Bass).

Alle Sänger beeindruckten überdies als Schauspieler und gaben Befindlichkeiten nicht nur in Arien und Rezitativen sowie den vielen Da-Capo-Passagen Ausdruck. Lebendige Spannung über fast drei Stunden Spielzeit – bis zum Schluss-Septett mit der Apotheose des milden Herrschers. Den Festesglanz der Szene erhöhten die neobarocken Leuchten im Bühnenrahmen des schmucken Hauses effektvoll.

Rauschender Beifall für das Regieteam und besonders für die musikalisch herausragenden Instrumentalisten: das im halb hochgefahrenen Graben agierende Ensemble der Armonia Atenea mit seinem spritzig-präsenten Barockton unter der Leitung des temperamentvoll und präzise präsenten George Petrou. Olga Lappo-Danilewski

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