Deutsche Oper Berlin: Patrick Kinmonth scheitert mit »Samson et Dalila«

20. Mai 2011, 19:45 Uhr
Es wird auch diesmal kein gutes Ende nehmen: Samson (José Cura) und Dalila (Vesselina Kasarova). (Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der Deutschen Oper Berlin)

Mit dem Dreiakter »Samson et Dalila« hat sich Camille Saint-Saëns nicht nur souverän gegen die Wagnerdominanz gestemmt. Er hat darin auch die Turbulenzen und Umbrüche seiner Zeit aufgenommen und verarbeitet. Dass obendrein Franz Liszt 1877 für die Uraufführung dieser zutiefst französischen Oper im deutschen Weimar sorgte, war für den als bildender Künstler erfolgreich auf vielen Hochzeiten tanzenden Briten Patrick Kinmonth Motivation genug, um die alttestamentarische Story in die Entstehungszeit der Oper zu verlegen.

Herausgekommen ist dabei üppig kostümiertes Rampentheater. Der grandios ausufernden Musik verweigert Kinmonth eine szenische Entsprechung. Immerhin nutzt Dirigent Alain Altinoglu die Chance und trumpft mit dem Orchester virtuos auf.

Die reichlich eingesetzten weißen Zwischenvorhänge auf der Bühne bleiben eine Leerstelle. Eine diffus bis hilflos wirkende Bewegung der Chormassen und die Platzierung der Protagnisten in der Nähe des Souffleurkastens mag als Suche nach allen möglichen Spielarten von Identität (als Jude, Philister, Deutscher, Franzose, Mann, Frau und was auch immer) gedacht sein. Auf der Bühne wird alles zu einem seltsamen Hin und Her, das vom Ehrgeiz getrieben scheint, nur ja keine klaren Zuschreibungen aufkommen zu lassen.

Dadurch wird aber alles beliebig. Da wirken Kinder (wie das heimliche der beiden Titelhelden), ein leibhaftiges Pferd auf der Bühne oder Suchscheinwerfer ins Publikum nur aufgesetzt. Drei Eisenbahngleise, die an der Rampe enden, sollen bei Kinmonth für den Fortschritt des Verkehrswesens im 19. Jahrhundert stehen. Auf diesen Gleisen fährt zuerst ein aufgeschnittener Salonwagen vor, in dem sich Samson und Dalila treffen. Es folgt ein ziemlich verunglücktes Niederkartätschen von murrenden Massen mit anschließender Trauerfeier, was an die Pariser Commune erinnern soll.

Dann erwartet Dalila Samson auf den malerisch mit Gras überwachsenen Gleisen zu einem Picknick. Zunächst erscheint aber der Oberpriester hoch zu (echtem) Ross, um Dalila überflüssigerweise an ihre patriotische Pflicht zu erinnern, bis dann Samson auftaucht, um sie zu vergewaltigen. Samsons Gefangenschaft, seine Blendung und Verspottung durch die Philister werden hier zu einer Einlage für einen Rumsteh-Ball. Wenn Samson am Ende der Oper seinen Gott anruft und um die Kraft bittet, den Tempel der Philister zum Einsturz zu bringen, die Ballgesellschaft ihre Kleider ablegt und zwei Güterwaggons anrollen, dann landet diese Inszenierung nach einer mühevollen Fahrt auf dem Abstellgleis einer nun eher fahrlässig verwendeten Eindeutigkeit.

Bei den Sängern überzeugt vor allem Vesselina Kasarova als Dalila mit der vokal überzeugendsten Leistung des Abends, auch wenn sie hier eher wie eine gelangweilte Salondame oder Bankiersgattin rüberkommt und nichts von einer zu allem entschlossenen Verführerin hat. Darstellerisch kaum über die Pose hinaus gefordert, kann José Cura seine Kraft auf die Verfertigung von Trompetentönen konzentrieren, was ihm gegen Ende hin immer besser, aber mit deutlicher Anstrengung und Vibrato, ohne sein früheres Charisma, gelingt. Dagegen wird dieses musikalische Heimspiel in Berlin für den 35-jährigen aufstrebenden Pariser Dirigenten Altinoglu am Pult des exzellent strömenden und dosiert und vielfarbig aufrauschenden Orchesters der Deutschen Oper zu einem Triumph. Die Inszenierung freilich gehört zu den schwächsten der Ära Harms. Joachim Lange

Schlagworte in diesem Artikel

  • Camille Saint-Saëns
  • Deutsche Oper Berlin
  • Franz Liszt
  • José Cura
  • Musikverein Griedel
  • Oper
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 3 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.