Berlin: Staatsoper und Deutsche Oper feiern Premieren

Berlin im Doppelpack: Staatsoper eröffnet mit enttäuschender Uraufführung von Jens Joneleit, Deutsche Oper begeistert mit »Adriana Lecouvreur«.
05. Oktober 2010, 19:14 Uhr
Greller Farbenmix trifft im Hintergrund auf Schwarz-Weiß-Filme: Die Oper »Metanoia - über das Denken hinaus« enttäuscht auf der ganzen Linie. (Foto: Monika Rittershaus)

Solch ein Wochenende erlebt die Opernwelt nur selten: An einem Tag sind die Opernstars Angela Gheorghiu und Jonas Kaufmann im Angebot, tags drauf wird in engster Nachbarschaft eine spektakuläre Uraufführung unter der Leitung von Daniel Barenboim erwartet, die ganz auf den verstorbenen Medienliebling Christoph Schlingensief fokussiert. Die Konkurrenz zwischen der Deutschen Oper Berlin und der Staatsoper, die ab dieser Saison während einer dreijährigen Sanierung in das umgebaute und sanierte legendäre Schillertheater einzieht, wird angesichts dieser räumlichen Nähe im Stadtteil Charlottenburg größer. Schon mit diesem Großaufgebot zeigt sich, wie sehr beide Häuser darauf angewiesen sind, sich zu überbieten.

»Metanoia - über das Denken hinaus«, so lautet der Titel zu dem Auftragswerk, das Barenboim dem gebürtigen Offenbacher Jens Joneleit anvertraute, den die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung 2006 mit einem Förderpreis auszeichnete.

Eine Oper sollte es eigentlich werden, herausgekommen aber ist den Umständen entsprechend eine Art Requiem für Schlingensief, der diese Produktion ursprünglich inszenieren sollte, aber zwei Tage vor Probenbeginn starb und durch keinen anderen Regisseur ersetzt wurde. Leider nur rührt es emotional kaum an.

Viele Köche verderben bekanntlich den Brei, und so verhält es sich auch mit dem Libretto. Als Vorlage musste ein hochkomplexer Text von Friedrich Nietzsche herhalten, ihn hat der seit jeher überschätzte Stückeschreiber René Pollesch »beballert« und mit vielen Schlingensief-Zitaten angereichert. Schließlich hat noch der Komponist seinen Senf dazugegeben. Was seine Figuren verhandeln, bleibt vage. Nur so viel erschließt sich: Die reiflich kunstgewerblich anmutende Textcollage schlägt mit vielen Allerweltsweisheiten und allerlei Palaver einen weiten Bogen um die großen Themen Liebe und Tod.

Enttäuschend auch Joneleits Musik, die an andere Neutöner wie Luigi Nono, Pierre Boulez oder Hans Werner Henze erinnert, ein wenig wie eine Art zweiter Aufguss wirkt und Originales vermissen lässt.

Szenisch wirkt diese Einstudierung ebenso öde, auch wenn sich das gesamte Team, das kurzerhand die Regie selber übernommen hat, unverkennbar an Schlingensiefs Ästhetik orientiert: Überlebensgroße nachgebaute menschliche Organe vor einem Gerüst zeigt die Bühnenlandschaft, dazu laufen im Hintergrund auf drei Videoleinwänden Ausschnitte aus Schwarz-Weiß-Filmen des Verstorbenen, die zumindest gelegentlich mit surrealen Horrorszenarien für leichte Irritationen sorgen.

Starsopranistin Annette Dasch quält sich an exponierter Stelle etwas im Spitzenregister. Das übrige Ensemble (unter anderem Anna Prohaska, Daniel Schmutzhard, Graham Clark und Martin Wuttke) sowie der Staatsopernchor singen und agieren auf hohem Niveau. Daniel Barenboim ist am Pult der Staatskapelle besonders in seinem Element, wenn die Partitur ein lautes, stürmisches Aufbrausen verlangt. Der wohlwollende Premierenbeifall täuschte nicht darüber hinweg, dass dieser Abend vor allem eines war: pseudointellektueller Humbug.

Dagegen erlebte man an der Deutschen Oper wahre Sternstunden. Dass Francisco Cileas »Adriana Lecouvreur« nur konzertant zur Aufführung gelangte, störte dabei kaum. Angela Gheorghiu und Jonas Kaufmann sangen nicht nur herzbewegend, sie unterstrichen ihre unter einem unglücklichen Stern stehende Liebe, ihre großen, überschäumenden Gefühle auch mimisch und gestisch, wie sie ein Regisseur hätte kaum besser anleiten können. Einfach wunderbar, wie diese beiden vortrefflichen Sänger miteinander harmonieren, wie sie gemeinsam schwelgen, bangen und leiden. So bewegt verließ man lange kein Berliner Opernhaus mehr. Soll noch einer behaupten, Kirsten Harms habe die Deutsche Oper in eine Krise geführt. Deutlich hat sie im Berliner Opernwettstreit die Nase vorn! Kirsten Liese

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