Die magischen Momente der leisen Töne

Was ist eine richtige Premiere? Das Festspielhaus Baden-Baden hat schon mehrfach mit internationalen Koproduktionen bewiesen, dass eine musikalische Neueinstudierung diese Bezeichnung ebenso verdient wie eine szenische. Der jüngste »Rosenkavalier«, zugleich Auftakt der Winterfestspiele, ist zumindest in mehrfacher Hinsicht eine Premiere: Christian Thielemann, der sich seit seinem Abschied an der Deutschen Oper Berlin außer in Bayreuth nur noch selten auf das Wagnis Musiktheater einlässt, dirigiert erstmals eine Opernaufführung in Baden-Baden, ebenso geben die Strauss-erprobten Münchner Philharmoniker ihren Einstand als Opernorchester – und was für einen!
29. Januar 2009, 19:20 Uhr
»Der Rosenkavalier«: leise Töne, groß angelegt. (Fotos: Andrea Kremper)

Was ist eine richtige Premiere? Das Festspielhaus Baden-Baden hat schon mehrfach mit internationalen Koproduktionen bewiesen, dass eine musikalische Neueinstudierung diese Bezeichnung ebenso verdient wie eine szenische.

Der jüngste »Rosenkavalier«, zugleich Auftakt der Winterfestspiele, ist zumindest in mehrfacher Hinsicht eine Premiere: Christian Thielemann, der sich seit seinem Abschied an der Deutschen Oper Berlin außer in Bayreuth nur noch selten auf das Wagnis Musiktheater einlässt, dirigiert erstmals eine Opernaufführung in Baden-Baden, ebenso geben die Strauss-erprobten Münchner Philharmoniker ihren Einstand als Opernorchester – und was für einen! Schließlich gibt es gar eine neue Traumbesetzung für diese Koproduktion der Salzburger Festspiele und der Opéra National de Paris aus dem Jahr 1995.

Regie führte damals der mittlerweile verstorbene Herbert Wernicke, der die Geschichte von der weisen, gütigen und souverän auf ihren jüngeren Liebhaber verzichtenden Marschallin poetisch und stimmungsvoll in einem Ambiente mit raffinierten, changierenden Spiegellamellenwänden und neobarocken Versatzstücken ansiedelt.

Alejandro Stadler (Regie) und Michael Veits (Bühnenbild) haben diese angenehm zeitlose Inszenierung in Baden-Baden wieder belebt, durch die der Rokoko-Zauber aus Maria Theresias Zeiten hindurchschimmert, die zugleich seitens Kostümen und Ausstattung eine Brücke zur Entstehungszeit dieses Werks im anbrechenden 20. Jahrhundert schlägt und mit einigen moderaten Anachronismen Anschluss an die Gegenwart sucht.

Musikalisch ist diese Produktion eine Wucht: Wie die berühmte Walzermelodie erst hauchfein mit leichtem Portamento im Piano einsetzt und dann noch einmal voller Verve aufschäumt, das können selbst die Wiener Philharmoniker nicht schöner. Vor allem aber ist dies ein sehr leiser »Rosenkavalier«, und das ist die eigentliche Sensation.

Ob in den nachdenklichen Monologen der Marschallin, dem träumerisch, leicht melancholischen Geigen-Abgesang am Ende des ersten Aufzugs, oder dem silbernen Glitzern bei der Rosenübergabe – alles ist bestimmt von kammermusikalischer Transparenz und feinsten Nuancierungen. Jedes noch so kurze Holzbläsersolo ist ein Genuss, und auch die Sänger können es sich leisten, ein Piano auch tatsächlich drucklos im Piano zu singen. Damit sind die wichtigsten Weichen gestellt, sagte doch schon Elisabeth Schwarzkopf, die Parade-Marschallin aller Zeiten: »Als Marschallin können sie nicht mit virtuosen Arien glänzen, sie müssen die Leute rühren!«

Erstklassiges Damentrio

Die vielleicht magischsten Momente gehören Diana Damrau (Sophie) – im prächtigen Brautkleid auch äußerlich eine Prinzessin wie aus dem Bilderbuch – und Sophie Koch (Octavian) in ihren Duetten. Ideal, wie diese beiden Stimmen miteinander harmonieren, die betörend schönen Kopftöne Damraus und der in allen Registern sicher geführte, volltönend runde Mezzo Kochs.

Und Renée Flemings Marschallin? Sie ist einfach ein Traum, anrührend weise in ihren Reflektionen über Alter, Abschied und Vergänglichkeit, souverän und vornehm im Moment des Verzichts, vom ersten bis zum letzten Auftritt eine Grande Dame.

Mit diesem erstklassigen Damentrio kann nur Franz Hawlata (Baron Ochs) nicht ganz mithalten, der in der Höhe etwas brüchig klingt, solche Schwächen aber geschickt mit seinem schauspielerischen, komödiantischen Talent überspielt. Der polternde, etwas grobklotzige Schürzenjäger ist ihm wahrlich auf den Leib geschrieben. Dass es auch möglich ist, aus einer kleinen Rolle eine große zu machen, beweist Franz Grundheber als Herr von Faninal. Toll, wie er geifert und außer sich gerät, als seine Tochter ihm erklärt, die Heirat mit dem blasierten Grobian zu verweigern.

Einen »Rosenkavalier« in denkbar bester Besetzung wollte Andreas Mölich-Zebhauser, Intendant der Baden-Badener Festspiele, auf die Beine stellen. Er hat nicht zuviel versprochen. Stehende Ovationen für die Sängerstars, Thielemann und die Münchner Philharmoniker.

Kirsten Liese

(Weitere Aufführung am 31. Januar)

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