Surreale Szene und nuanciert dynamische Musik

Er ist unzweifelhaft nach wie vor der bedeutendste Weltstar, den Bayreuth derzeit noch zu bieten hat: der Berliner Dirigent Christian Thielemann. Vom Premierenjahr 2006 an ist der von Tankred Dorst inszenierte jüngste »Nibelungen«-Zyklus als »Thielemann-Ring« in die Annalen eingegangen.
29. Juli 2008, 17:24 Uhr
Vor dem Rheingold-Schatz (3. Szene): Alberich (l., Andrew Shore) und Wotan (Albert Dohmen) (dpa)

Er ist unzweifelhaft nach wie vor der bedeutendste Weltstar, den Bayreuth derzeit noch zu bieten hat: der Berliner Dirigent Christian Thielemann. Vom Premierenjahr 2006 an ist der von Tankred Dorst inszenierte jüngste »Nibelungen«-Zyklus als »Thielemann-Ring« in die Annalen eingegangen. Und als solcher behauptet er sich nach einem großartigen »Rheingold«-Auftakt seitens des Ochesters auch im dritten Jahr.

So, wie sich die Zukunft in Bayreuth abzeichnet - voraussichtlich unter Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier -, markiert allerdings auch der zu Unrecht gescholtene Tankred Dorst eine Zäsur. Nachfolgende Generationen werden ihm vielleicht Kränze dafür winden, dass er als einer der Letzten dem Zeitgeist stoisch trotzte, der Musik stets Vorfahrt ließ und keine allzu eigenwilligen Neuinterpretationen bot, mit denen jüngere Generationen von sich reden machen.

Gewiss, die Personenführung bei Dorst im »Rheingold« ist nach wie vor an einigen Stellen unpräzise. Wotan etwa befindet sich völlig außerhalb der Riesen-Sichtachse in jenem spannungsvollen Moment, als diese den Ring an seiner Hand entdecken, den sie zur Loslösung Freias fordern. Albert Dohmens Wotan wirkt ohnehin emotional kaum mitgenommen von den unerbittlichen Forderungen Fasolts und Fafners und der Gefangennahme seiner Schwägerin Freia, deren goldene Äpfel den Göttern ewige Jugend sichern. Auch in sängerischer Hinsicht hat Dohmen, der seine gewaltige Partie noch im Vorjahr ganz achtbar bewältigte, nachgelassen. Nahezu jeder Ton sitzt tief hinten im Hals, angestrengt stemmt sich der Bariton von Note zu Note. Und wer vergangene Woche im Tiroler Wörgl einen Meisterkurs von Mirella Freni miterlebte, die mit elf hochbegabten Jungsängern exakt an solchen stimmtechnischen Übeln arbeitete, würde nicht nur ihn, sondern am besten auch gleich das übrige Ensemble zu der Primadonna schicken. Denn auch Andrew Shore (Alberich), Gerhard Siegel (Mime), Ralf Lukas (Donner), Clemens Bieber (Froh), Simone Schröder (Flosshilde) und Ulrike Helzel (Wellgunde) lassen mit ihrem druckvollen Singen hören, dass ihre Kopfstimme offenbar unzureichend ausgebildet ist.

Nur drei Sänger werden letztlich dem hohen Niveau des klangreichen, feinsinnig dynamisierenden Bayreuther Festspielorchesters gerecht: der auch im hohen Register geschmeidig modulierende Tenor Arnold Bezuyen (Loge), die ihren Mezzo schlank führende Michelle Breedt (Fricka) und die Bayreuth-Debütantin Christa Mayer (Erda), deren Stimme groß und leuchtend zum Erblühen kommt wie die ihrer Vorgängerin Mihoko Fujimura.

An Frank Philipp Schlößmanns Bühnenbildern und Bernd Skozigs fantasievoll-archaischen Kostümen hat man sich auch im dritten Jahr nicht satt gesehen. Die erste Szene mit suggestiven und surrealen Bildern ist dabei nach wie vor die poetischste: der Rhein als fließende Lichtreflexion über einer bläulich steinernen Straße, die Rheintöchter mit roten Gewändern mittendrin als Farbtupfer, und am schillernden Bühnenhimmel Videoprojektionen verführerischer Mädchen und ihrer nackten Körper.

Und Christian Thielemann? Er bestätigt einmal mehr seinen Ruf als Klangmagier und großer Theatraliker. Schon ganz zu Beginn scheint die Zeit still zu stehen, so ruhevoll, intensiv und geheimnisvoll strömen die Urklänge dahin. Makellos, sakral und weihevoll das Blech mit seinen Götterburg-Fanfaren. Beim Meißeln in Alberichs Felsenhöhle gelingen Thielemann gar räumliche Effekte: die Hammerschläge der goldschmiedenden Schwarzalben werden bei Öffnung des Vorhangs nicht nur leiser, das Instrumentarium scheint sich gar nach hinten zu entfernen. Wie das wohl technisch machbar ist, unten im Orchestergraben? Immer wieder stark auch der Einsatz der Pauken, mal drohend leise beim Auftritt der das Gold einfordernden Entführer und ihrer Geisel, mal klanglich gewittrige Schwüle heraufbeschwörend und sich in einem wahrlichen Donnerspektakel entladend.

Insgesamt war dieses »Rheingold« eine Spur kraftvoller als in den Vorjahren, was die konsequente Entwicklung eines Strategen bezeugt, der erkundet, wie weit man dynamisch gehen kann, ohne schon sein ganzes Pulver zu verschießen. Auch wenn die Beifallsstürme für einige Sänger schwer nachzuvollziehen sind: Thielemann, der Bayreuther Publikumsliebling, hat sie uneingeschränkt verdient! Kirsten Liese

Schlagworte in diesem Artikel

  • Christian Thielemann
  • Eva Wagner-Pasquier
  • Katharina Wagner
  • Musikverein Griedel
  • Nibelungen
  • Tankred Dorst
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung (Noch Zeichen verfügbar)





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 - 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.