Geistvolle Musik und emotional betontes Spiel

Eine beeindruckende Kostprobe seines Könnens legte Jac van Stehen in der Premiere von Igor Strawinskys Oper »The Rake's Progress« (»Das Leben eines Wüstlings«) im Dortmunder Opernhaus ab. Der 50jährige Niederländer wird die musikalischen Geschicke der Stadt ab der kommenden Spielzeit als neuer Generalmusikdirektor leiten. Seinen Einstand gab er jetzt einer feinen Interpretation des geistvollen Stücks, die beim Premierenpublikum auf große Zustimmung stieß
31. März 2008, 18:56 Uhr
Tom Rakewell, der Glückritter, im verführerischen Glanz einer vermeintlichen Freiheit im Laufrad der Zeit (Jeff Martin) (Foto:T. M. Jauk)

Eine beeindruckende Kostprobe seines Könnens legte Jac van Stehen in der Premiere von Igor Strawinskys Oper »The Rake's Progress« (»Das Leben eines Wüstlings«) im Dortmunder Opernhaus ab. Der 50jährige Niederländer wird die musikalischen Geschicke der Stadt ab der kommenden Spielzeit als neuer Generalmusikdirektor leiten. Seinen Einstand gab er jetzt einer feinen Interpretation des geistvollen Stücks, die beim Premierenpublikum auf große Zustimmung stieß, auch wenn das Haus nur schütter besetzt war. Gewiss hat es nicht an seinem Vorgänger Arthur Fagen gelegen, dass es dem Dortmunder Leitungsteam offensichtlich nicht gelingen will, größere Publikumsschichten ins Haus zu locken. Warten wir ab, ob Jac van Steen effektive Lösungen mitbringen wird.

Nun ist Strawinskys einzige abendfüllende Oper ohnehin eher ein Werk für Feinschmecker, auch wenn der Dirigent bei aller rhythmischen Präzision sehr weich und klanglich rund musizieren ließ. Der Eindruck spröder Trockenheit konnte so vermieden werden. Allerdings brachte er stellenweise so viel emotionale Intensität ein, dass die gebotene Distanz zur hintergründig zweideutigen, neoklassizistisch angehauchten Tonsprache bisweilen verloren ging.

Einig war er sich darin mit Regisseur Roland Schwab, der im älteren Strawinsky einen »verkappten Romantiker« sieht. Eine kühne These, die seine Inszenierung fragwürdig erschienen lässt, wenn Strawinsky eindeutig mit klischeehaften Elementen der romantischen Oper spielt.

Trotz dieser Einwände lohnt sich die Begegnung mit der Produktion. Optisch wird im Bühnenbild Piero Vinciguerras die feinsinnige Ironie des Stücks überdeutlich. Im Zentrum steht eine rund durchbrochene Wand, in deren Öffnung der Held Tom Rakewell auf der Suche nach dem Glück wie ein Hamster im Laufrad zappelt. Mit Lichteffekten werden Illusionen einer erfolgreichen Zukunft erzeugt, die sich schnell in Schall und Rauch auflösen. Die Seitenwände sind wie Setzkästen angeordnet, die die Lebensstationen vom Bordell bis zu den Schatzkammern der skurrilen »Türkenbab« beherbergen.

Das Verhältnis zwischen Tom und seinem dämonischen Schattenmann Nick Shadow setzt Roland Schwab treffsicher in Parallele zur Beziehung zwischen Faust und Mephistopheles. Eindrucksvoll die Schlussszenen auf dem Friedhof und im Irrenhaus, indem der Blick auf den Boden der leer geräumten, pechschwarzen Bühne Andeutungen auf Grabkammern und gruftartige Krankenzimmer zulässt.

Das alles wird mit großer Sensibilität und feinem Witz, stellenweise halt auch mit etwas zuviel Pathos gereicht. Gesungen wird auf hohem Niveau. Jeff Martin singt mit seinem hellen biegsamen Tenor einen sauberen, flexibel agierenden und reagierenden Tom Rakewell. Simon Neal verströmt eine gehörige Menge an mephistophelischer Dämonie als Nick Shadow. Lydia Skourides singt eine eindrucksvolle, musikalisch lupenreine Ann Trulove. Lediglich Hannes Brock bleibt als Türkenbab etwas blass. Wenn man die Rolle schon mit einem Mann besetzt, dann auch mit einem pointierten Charaktertenor.

Insgesamt eine erfreuliche Produktion, die größeres Interesse verdiente.

Die nächsten Aufführungen im Dortmunder Theater: am 4. April sowie am 14. Mai und 4. Juni (Karten-Telefon: 0231 502 72 22).

Pedro Obiera

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