Ricarda-Huch-Schule: Bei Abitur-Jubiläumsfeier auf eine interessante Zeitreise gegangen
Gießen (son). Auf eine interessante Zeitreise begaben sich die Besucher der Abitur-Jubiläumsfeier der Ricarda-Huch-Schule (RHS) am Samstag. Vertreter der Jubiläumsjahrgänge 1945, 1960, 1970 und 1985 ließen auf Einladung des Vereins Ehemalige und Freunde der RHS ihre Schullaufbahn Revue passieren und lieferten auf diese Weise ein spannendes Stück Zeitgeschichte. Insgesamt nahmen drei eiserne, 29 goldene, 42 silberne und 31 Rubin-Jubilare an der Feier teil. Begrüßt wurden sie von der Vereinsvorsitzenden Ingrid Pfeiffer und Schulleiter Werner Nissel.
Legten vor 65 Jahren Abitur ab am damaligen Lyzeum: Gisela Runtsch, Ilse Hofmann und Elvira Bulle (v.l.), hier mit dem heutigen Schulleiter Werner Nissel neben einem Porträt der Namensgeberin der Ricarda-Huch-Schule. (Fotos: son)
Besonders eindrucksvoll waren die Erlebnisse, welche die eiserne Jubilarin Elvira Bulle in ihrer Ansprache schilderte. »Unsere gesamte Schulzeit war von Nationalsozialismus und Krieg geprägt«, sagte sie. Da blieb wenig Raum für Mädchenträume und Hoffnungen in die Zukunft. Die RHS hieß damals noch Lyzeum, später wurde sie in Oberschule für Mädchen umbenannt. »Wir mussten eine Aufnahmeprüfung machen - Diktat, Rechenaufgaben und eine Turnprüfung gehörten dazu«, erzählte Bulle.Von 50 Kindern aus ihrer Grundschulklasse besuchten nur drei eine Oberschule und zwei die Realschule. »Unser Schulgeld betrug damals 26 bis 28 Mark pro Monat, das war ganz schön viel.« In drei Parallelklassen wurden die Mädchen unterrichtet. »In der A-Klasse waren alle auswärtigen Schülerinnen und die katholischen Gießener Schülerinnen«, berichtete Bulle. Dies sorgte für Schmunzeln im Saal. Nach fünf Jahren Oberschule musste man sich für ein hauswirtschaftliches oder sprachliches Abitur entscheiden. »Und alle hatten täglich Sport, aber der Religionsunterricht war von Hitler abgeschafft worden«, erinnert sie sich.
Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde der Unterricht schwieriger. Der von den Mädchen geschätzte Musiklehrer wurde eingezogen und fiel kurz darauf. »Wir hatten kein Schulorchester mehr und keine jungen Referendare - nur alte Lehrer«, erzählte die Abiturjubilarin. Die Schule wurde bald vom Militär belegt. »Da mussten wir uns die Unterrichtsräume mit den Jungen von der Oberrealschule teilen.« Immerhin wurden so erste zarte Bande zwischen den Geschlechtern geknüpft, kleine Nachrichten per Zettel zugeschoben.
Doch die Zeit forderte viel von den Schülerinnen. Es gab Fliegeralarm, so manche Nacht musste man im Bunker ausharren und des Morgens sehr früh, weil die Züge wieder mal ausfielen, zu Fuß nach Gießen laufen. Bulle erinnerte sich an die Reichspogromnacht, in der ihre regimetreue Klassenlehrerin die Mädchen geradezu aufforderte, sich die brennende Synagoge anzusehen.
Im September 1944 wurden viele Mädchen zu Arbeitseinsätzen herangezogen. Auch Elvira Bulle musste am Westwall im Saargebiet für Soldaten Kohlsuppe kochen. »Unsere Kräfte und Nerven waren verbraucht«, sagte sie. Doch Ende November ging es für sie zum Reichsarbeitsdienst in den Odenwald. In dieser Zeit wurde Gießen stark bombardiert, die Schule zerstört, alle Schularbeiten, die dort lagerten, verbrannt. Bulle, die ab Februar 1945 bei der Luftwaffe in Rüsselsheim eingesetzt wurde, floh mit einigen Kameradinnen vor den heranrückenden Alliierten zunächst in den Vogelsberg, dann nach Lich. Dort nahmen sie ihre Eltern glücklich in Empfang. »Gießen war kaputt, alles lag brach«, weiß sie noch. Ihr damaliger Klassenlehrer stellte den Mädchen ein Notzeugnis aus. »Für den Hochschulzugang reichte dies leider nicht aus - dafür mussten wir noch mal für einige Zeit die Schulbank drücken.«
Bei Gisela Brandenburg, die vor 50 Jahren ihr Abitur an der RHS abgelegt hatte, waren es weniger schöne, aber auch zum Schmunzeln anregende Erlebnisse mit den Lehrkräften, die sie in ihrer Rede Revue passieren ließ. Dr. Edwin Hofmann, der vor 40 Jahren die Reifeprüfung bestand, erinnerte sich an eine gute Zeit an der Ricarda, geprägt von den 68ern, von Diskussion, Rebellion und Veränderung. »Besonders Schulleiter Klaus Bernard brachte seinen Schülern Vertrauen und Wertschätzung entgegen«, betonte er den neuen Geist an der Schule. Das sei anders gewesen als die »Hau-Drauf-Pädagogik«, die man noch aus anderen Bildungsanstalten kannte.
Die silberne Jubilarin Martina Fleming schließlich bezeichnete die Oberstufenzeit an der RHS als »eine der schönsten Zeiten meines Lebens«. Die RHS sei eine schülerfreundliche Schule gewesen, und auch Fleming hob den Verdienst des damaligen Schulleiters hervor.
Für die musikalische Umrahmung sorgte der Förderstufenchor unter Leitung von Ulrich Voigt und Jürgen Reklies an der Gitarre.
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