Weserflößer wollen’s wissen

Wenn 100 Tonnen bewegt werden, ist das nichts für schwache Nerven – auch ein historisches Floß macht da keine Ausnahme. Mit einem solchen Gefährt wollen ein paar Nordhessen die Weser hinabfahren.
02. September 2016, 11:53 Uhr
Am Sonntag wollen die Weserflößer mit dem nachgebauten Holzfloß knapp 200 Kilometer über die Weser von Reinhardshagen über Bodenwerder (Niedersachsen) nach Minden (Nordrhein-Westfalen) fahren. (Foto: dpa)

Die Fichtenstämme sehen harmlos aus. Doch wenn sie in Bewegung geraten, sind sie geradezu unberechenbar. »Die Stämme sind alle nicht gerade, wenn die eine Böschung runterrollen, schlagen die richtiggehend aus«, erklärt Hermann-Josef Rapp. Er und seine 17 Mitstreiter wissen, wovon sie reden. Sie bauen zum dritten Mal ein Holzfloß nach historischem Vorbild. Gestern starteten sie mit dieser ganz besonderen Konstruktion, drei Tage soll es dauern. Dann fahren sie ab Sonntag damit in Etappen weserabwärts vom nordhessischen Reinhardshagen bis nach Minden in Nordrhein-Westfalen.

Bis in die 1950er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein wurde Holz mit Flößen transportiert. »Die Alten, die am Ufer stehen, erinnern sich noch gerne an die Zeiten«, sagt Rapp. Der Ausbau der Flüsse und Schleusen senkten dann die Fließgeschwindigkeit des Wassers, die Flößerei wurde unrentabel. Zudem eröffneten das Eisenbahnnetz und stärkere Lastwagen neue Möglichkeiten in der Logistik. Immerhin wurde die Flößerei 2014 in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.

192 Kilometer in sechs Tagen

Rapp und Co. haben sich schon 2008 und 2009 aufgemacht, um ein altes Handwerk wiederzubeleben – mit großem Erfolg. Tausende säumten seinerzeit den Fluss und bestaunten das Floß. Zum 1150-jährigen Jubiläum des Reinhardshäger Ortsteils Vaake gehen die Männer des Vereins »Weserflößer« nun wieder auf Tour. 192 Flusskilometer sollen in sechs Tagen überwunden werden. 40 Meter wird das fertige Floß lang, 100 Tonnen schwer. »Das ist eine ernsthafte Sache«, sagt Rapp. Zum Glück habe es bei den Vorbereitungen bislang bis auf ein paar Blasen keine ernsthaften Verletzungen gegeben. Die Blasen kommen vom Schälen der 66 Stämme aus dem Solling und dem Reinhardshäger Wald. Die Flößer haben sie eigenhändig von der Rinde befreit. Allein das beschäftigte die Männer, die fast alle Rentner sind, fast zwei Wochen.

Die einzelnen Etappen
Zuschauer am Ufer sind bei der Reise flussabwärts sehr gerne gesehen und dürfen die Konstruktion des Holzfloßes natürlich auch ganz aus der Nähe bestaunen. Die einzelnen Etappen sind:
Sonntag, 4.9.: Reinhardshagen (Kreis Kassel) bis Bodenfelde (Kreis Northeim/Niedersachsen)
Montag, 5.9.: Bodenfelde bis Höxter (Nordrhein-Westfalen)
Dienstag, 6.9.: Höxter bis Bodenwerder (Kreis Holzminden/Niedersachsen)
Mittwoch, 7.9.: Bodenwerder bis Hameln (Niedersachsen)
Donnerstag, 8.9.: Hameln bis Rinteln (Kreis Schaumburg/Niedersachsen)
Freitag, 9.9.: Rinteln bis Minden (Nordrhein-Westfalen)

 

Der ehemalige Schlosser, Heinz Christian, der bei den Touren 2008 und 2009 auch schon dabei war, beschreibt den ganzen Aufwand so: »Ein halbes Jahr Vorbereitung ist fast zu wenig.« Der hölzerne 100-Tonnen-Koloss müsse nicht nur gebaut, sondern auch versichert sein. »Wenn damit ein anderes Schiff gerammt wird, nicht auszudenken«, sagt Christian.

Steuern darf nicht jeder, nötig ist ein sogenanntes Weser-Patent. Einer aus den Reihen des Flößer-Vereins hat es. Auch bei der Abnahme durch einen Sachverständigen wird nichts auf die leichte Schulter genommen. »Die geforderte Reling widerspricht zwar den historischen Vorbildern, sorgt aber für Sicherheit«, erläutert Christian. Die Kosten für die sechstägige Fahrt beziffern die Nordhessen auf bis zu 30 000 Euro. Zusammengekommen ist das Geld auch mit der Hilfe von Sponsoren. »Die Abnahme, die Versicherung, das Holz«, zählt Christian die Kostenfaktoren auf. Ihre Abenteuerlust wird dadurch freilich nicht gebremst.

Das Projekt der mit ihrer Region stark verwurzelten Flößer steht unter dem Motto »Regional ist nicht egal«. Es gehe darum, das örtliche Handwerk zu fördern, auf überschaubare Lieferketten zu achten und unnötigen Energieeinsatz zu vermeiden, erklärt Rapp. Das Fichtenholz wird nach der Tour in Minden in ein Sägewerk vor Ort gebracht. »Der Rohstoff Holz wird von uns mit Bedacht genutzt.« Es werde beispielsweise kein Nagel in das Holz geschlagen. Die Stämme werden zusammengebunden – eingebunden nennen das Fachleute. Die Fahrt auf der Weser steigere sogar noch die Holzqualität. »In Minden kommt kein Wurm mehr im Holz an«, sagt Rapp und lacht.

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