Was Amokläufer antreibt

29. Juni 2016, 18:13 Uhr
Amokläufe wie der in Winnenden im März 2009 machen fassungslos. Sie verunsichern die Öffentlichkeit, weil die Täter auch unbeteiligte Opfer in Kauf nehmen oder sogar beabsichtigen, möglichst viele Menschen zu töten.

Doch nicht nur die Suche nach den Gründen für einen Amoklauf standen im Fokus der Untersuchung, sondern auch die Frage, wie man erkennt, ob eine Drohung ernst gemeint ist. Jetzt legten die Forscher um die Kriminologin Prof. Britta Bannenberg an der Justus-Liebig-Universität in einer Abschlusstagung ihre Ergebnisse aus der »Kriminologischen Analyse von Amoktaten« vor, die sie in den letzten drei Jahren erstellt haben. Sie nahmen die Untersuchung im Rahmen des Verbundprojekts TARGET (Tat- und Fallanalysen hoch expressiver zielgerichteter Gewalt) vor. Verschiedene Fachbereiche von insgesamt vier Universitätsstandorten haben mitgearbeitet. Das Gesamtergebnis soll in Kürze in Berlin vorgestellt werden. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Für ihre Analyse haben die Forscher 35 Fälle jugendlicher (bis 24 Jahre) und 40 Fälle erwachsener Amokläufer untersucht. Dabei sind ihnen deutliche Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen aufgefallen.

Hass und Rache als Motive

Was ist eigentlich eine Amoktat? Für das Team um Bannenberg haben sich bei der Untersuchung mehrere typische Merkmale herauskristallisiert: Es handele sich dabei um Mehrfachtötungen, die nur von einer Seite ausgehen. Es könne zwar mehrere Tatorte geben, aber die Taten stehen in einem zeitlichen Zusammenhang, erstrecken sich also im Vergleich beispielsweise zu Serienmorden über einen relativ kurzen Zeitraum. Amokläufe enden demnach in der Regel mit dem Suizid oder der Festnahme des Täters. Die Motive, die sich hinter einer solchen Tat verbergen, lassen sich auf Wut, Hass und Rache verdichten. Fast alle Täter – in den allermeisten Fällen sind sie männlich – seien psychisch auffällig. Strafrechtlich dagegen sind die meisten zuvor nicht in Erscheinung getreten, denn sie sind weder impulsiv, noch aggressiv oder dissozial. Dennoch wirken sie oft sonderbar, sind Einzelgänger, leicht zu kränken und fühlen sich gedemütigt, haben narzisstische Charakterzüge, Empathie für andere Menschen fehlt ihnen.

Die jugendlichen Täter sind laut den Ausführungen Bannenbergs dadurch gekennzeichnet, dass sie sich oft von anderen zurückziehen, sich fremd in der Schule und der Familie fühlen. Viele haben eine Vorliebe für Waffen, spezielle Computerspiele, die sogenannten Ego-Shooter, die Farbe Schwarz. Außerdem setzen sie sich gerne in Szene. Vordergründig stammen sie aus guten Verhältnissen – übrigens kommen sie in den seltensten Fällen aus Familien mit Migrationshintergrund –, aber bei genauerem Hinschauen werden Probleme hinter der Fassade deutlich. Sie identifizieren sich meistens mit Vorbildern: Bei fast allen jungen Tätern habe man Videomaterial vom Amoklauf an der Columbine High-School im April 1999 gefunden, sagte Bannenberg. Sie planen ihre Tat lange – Monate, oft sogar Jahre – im Voraus. »Das ist nicht der arme Depressive«, sagte Dr. Petra Bauer, die gemeinsam mit Bannenberg, Anna-Lena Braun und Alexandra Kirste die Analyse vorgestellt hat. Vielmehr stünden narzisstische Motive im Vordergrund.

Erwachsene Amokläufer lassen sich nicht so einfach charakterisieren, die Gruppe ist vielfältiger. Doch auch sie haben einige Gemeinsamkeiten, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Braun ausführte. Die meisten seien zwischen 30 und 45 Jahre alt, verwenden Schusswaffen, haben weder eine feste Partnerschaft noch eine Arbeitsstelle. Für ihre Taten suchen sie sich öffentliche Plätze aus. Die Motive reichen von Rache über Psychosen bis Machtstreben. Auch bei ihnen spielt der Selbstmord eine wichtige Rolle. Allerdings fehlt im Vergleich mit jugendlichen Tätern die Identifikation mit »Vorbildern«. Außerdem kommt es häufig zu spontanen Taten, die nicht geplant wurden. Dennoch geht in der Regel ein lang andauernder Konflikt voraus.

Trotz einiger typischer Merkmale sind in der Praxis sich anbahnende Amoktaten oft nur schwer zu erkennen. Dennoch konnten in den letzten Jahren viele solcher Fälle verhindert werden. Seit 2013 habe es in Deutschland keinen größeren Amoklauf gegeben, sagte Bannenberg. Das sei auch den Leitfäden für den Krisenfall zu verdanken, die es inzwischen in allen Bundesländern gibt. Schulen und Polizei seien sensibler geworden, was Amokdrohungen angehe. Dennoch stellt sich die schwierige Frage: Wann ist eine Drohung ernst gemeint? Zumindest für jugendliche Täter lässt sich das relativ gut erkennen, meinen die Forscher. Dabei komme den Mitschülern eine besondere Bedeutung zu, weil sie zuerst Auffälligkeiten bemerken. Die Wissenschaftler haben sechs Fallgruppen erstellt, nach denen sich mögliche jugendliche Täter beurteilen lassen:

Die zahlenmäßig größte Gruppe bilden Drohungen, die situativ erklärbar und spontan sind, beispielsweise weil der Jugendliche sich geärgert hat. In diesen Fällen gibt es keine Planungen einer Amoktat. Es handele sich meist um unreife Jugendliche, von denen keine Gefahr ausgeht.

Die zweite Gruppe besteht aus impulsiven Jugendlichen, die zwar bekannt für ihr aggressives Verhalten sind. Ihre Gewalt richtet sich aber gegen Einzelpersonen, nicht gegen eine unbestimmte Masse. Eine Amokgefahr geht nach Einschätzung der Forscher von ihnen nicht aus, dennoch können sie beispielsweise Lehrer körperlich angreifen.

Auch Hilferufe von verhaltensauffälligen Jugendlichen, möglicherweise Mobbingopfern, äußern sich gelegentlich als Amokdrohung. Diese bleibt jedoch meist einmalig und ist mehr als Ausdruck einer Suche nach Aufmerksamkeit zu sehen.

Konkrete Gefahr besteht bei der vierten und fünften Gruppe, die sich nur leicht unterscheiden. Solche Drohungen kommen von Jugendlichen, die verhaltensauffällig sind. Sie sind getrieben von Hass und Wut, haben bereits Pläne für einen Amoklauf geschmiedet. Die Hälfte von ihnen kündigt nach den Untersuchungen der Wissenschaftler ihren Suizid an.

Besonders dringender Handlungsbedarf besteht bei Jugendlichen, die die gleichen Merkmale aufweisen wie die aus der Gruppe zuvor, sich jedoch bereits mit Waffen eingedeckt haben. In allen untersuchten Fällen gab es zudem Selbstmorddrohungen.

In einer sechsten Gruppe haben die Forscher falsche Verdächtigungen zusammengefasst. Hierbei geht es um Jugendliche, die zu Unrecht bezichtigt wurden, eine Amokdrohung ausgesprochen zu haben.

Bannenberg warnte davor, dass das Thema Amok in den Hintergrund zu geraten drohe, und rief die Schulen auf, weiterhin wachsam zu sein. »Hier ist die Handlungsmöglichkeit am größten«, sagte sie.

Schlagworte in diesem Artikel

    Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos