Wenn Kinder in Obhut genommen werden

01. März 2016, 16:03 Uhr
Jedes Jahr werden mehr Kinder und Jugendliche von Ämtern in Obhut genommen. Auch weil zunehmend unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgegriffen werden, die Unterstützung brauchen. (Foto: dpa)

Überforderung, Alkohol- und Drogenprobleme der Eltern, körperliche und seelische Misshandlung des Kindes oder Jugendlichen sind nur einige Gründe, warum Kinder in Obhut genommen werden, wie der stellvertretende Pressesprecher des hessischen Sozialministeriums, Markus Büttner, erläutert. Auch bei Verwahrlosung, Traumatisierung sowie Leiden unter Trennungsstreitigkeiten der Eltern können Kinder zu ihrer Sicherheit kurzfristig aus dem Elternhaus herausgenommen werden. Allerdings sei die Zunahme der vorläufigen Schutzmaßnahmen in erster Linie auf das Anwachsen der Zahl der unbegleiteten minderjährigen Einreisenden aus dem Ausland zurückzuführen, so Büttner weiter. In der Fachliteratur werde jedoch auch eine höhere Sensibilisierung der Jugendämter als weiterer Grund genannt, wie Büttner mitteilt.

Bei Verdacht melden
(dar/eb). Im vergangenen Jahr wurden im Vogelsbergkreis 24 Kinder aus ihren Familien herausgeholt und 55 ausländische minderjährige Flüchtlinge in Obhut genommen. Im Wetteraukreis wurde im ersten Halbjahr für 69 Kinder und Jugendliche diese vorübergehende Maßnahme eingeleitet, während es im Kreis Gießen 57 waren. Hat man einen Verdacht, dass das Wohl eines Kindes gefährdet ist, stellt sich die Frage wo man sich melden kann. Telefonnummern und E-Mail-Adressen der zuständigen Jugendämter:
  • Vogelsbergkreis Telefon: 0 66 41/97 73 78, E-Mail: jugendamt@vogelsbergkreis.de
  • Landkreis Gießen Telefon: 06 41/93 90 90 02, 06 41/93 90 64 10 (Außenstelle Lich) oder 06 41/93 90 61 20 (Außenstelle Grünberg), E-Mail: jugendamt@lkgi.de
  • Gießen Telefon: 06 41/3 06 13 77 E-Mail: jugendamt@giessen.de
  • Wetteraukreis: Telefon 0 60 31/8 30 E-Mail: jugend.und.soziales@wetteraukreis.de


Der Fachdienst Jugendhilfe des Wetteraukreises nennt Überforderung der Eltern als den häufigsten Grund für eine Inobhutnahme. »Grundsätzlich greift das Jugendamt bei Kindswohlgefährdung ein«, erläutert Dagmar Scherer, Leiterin des Kreisjugendamtes im Vogelsbergkreis. Inobhutnahmen, die als vorübergehende Maßnahmen zur Sicherung des Kindeswohls gedacht seien, unterlägen allerdings sehr strengen Regeln, weil in das Sorgerecht der Eltern eingegriffen und das Aufenthaltsbestimmungsrecht beschnitten werde. »Bittet ein Kind oder Jugendlicher um Obhut, gewähren wir sie ihm natürlich«, sagt Scherer. Das Jugendamt müsse dann unmittelbar die Eltern und gegebenenfalls ein Familiengericht benachrichtigen. »Erklären sich die Eltern mit den Maßnahmen des Jugendamtes einverstanden, greifen die sogenannten Hilfen zur Erziehung«, erläutert die Fachfrau. Dazu zählten beispielsweise Erziehungsberatung oder Unterbringung in Tagesgruppen.

Wie der stellvertretende Pressesprecher Büttner berichtet, gibt es zahlreiche Hilfen, die im Vorfeld von Kriseninterventionsmaßnahmen zur Sicherung des Kindeswohls in Betracht kommen. Tritt allerdings eine akute Situation ein, helfen keine präventiven Maßnahmen. Meldet etwa ein Nachbar, dass sich ein Kind in einer Notlage befinde, fahren zwei Mitarbeiter des Allgemeinen sozialen Dienstes los, um sich ein Bild vor Ort zu machen und gebenenfalls das Kind in Obhut zu nehmen, wie Scherer erläutert. »Es gilt immer das Vier-Augen-Prinzip.« Außerdem sei es auch für die Mitarbeiter sicherer, zu zweit zu sein, sollte eine Situation tatsächlich brenzlig werden. Nehme das Jugendamt eine Inobhutnahme vor, sei in der Regel davon auszugehen, dass niedrigschwelligere Maßnahmen zur konkreten Abwehr nicht mehr ausreichen, sagt Büttner.

Werden das Kind oder der Jugendliche aus der Familie zumindest vorerst herausgenommen, folgt eine Unterbringung in einer geeigneten Einrichtung oder Pflegefamilie. Auch die Unterbringung bei einer befreundeten Familie ist möglich, wenn das Jugendamt diese als geeignet einstuft, wie der Wetterauer Fachdienst mitteilt.

Das oberste Ziel nach einer Inobhutnahme sei es, das Kind oder den Jugendlichen aufzufangen und die akute Krise abzuschwächen, sagt Büttner. »Außerdem ist es wichtig, die Grundbedürfnisse zu befriedigen.« Oftmals fehle es aufgrund der schwierigen Lebensumstände der Familien an elementaren Dingen wie Kleidung, Ernährung, Zuwendung und einer Bezugsperson.

Eine Bezugsperson brauchen auch die zahlreichen unbegleiteten jungen Flüchtlinge, die ganz alleine nach Deutschland kommen. »Viele werden etwa in Zügen aufgegriffen. Einige melden sich aber auch von selbst beim Amt«, sagt die Leiterin des Kreisjugendamtes Vogelsbergkreis. Sie betont die sehr erfolgreiche Integration in dieser Region. »Die meisten jungen Flüchtlinge, die wir betreuen, kommen aus Afghanistan, Syrien oder Eritrea«, so Scherer weiter. Es gebe einige wenige, die wegliefen, weil sie beispielsweise unbedingt nach Frankfurt wollten. Aber: »Die meisten jungen Menschen wollen bei uns bleiben, die Sprache und einen Beruf lernen«, berichtet Scherer. Klingt nach besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration.

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