Flüchtlinge könnten Probleme in Deutschland lösen

Gleich vier gravierende Probleme der Deutschen könnte die große Zahl der Flüchtlinge lösen: den demografischen Wandel, den Pflegenotstand, den Fachkräftemangel und das Elend verödender ländlicher Räume. Das rechnet der Jurist Hermann Heußer aus. Für ihn sind die Flüchtlinge ein Segen.
23. Februar 2016, 12:13 Uhr
Heußer

Hermann Heußner ist der Mann der Stunde. Er bürstet die sogenannte Flüchtlingskrise gegen den Strich. Für ihn sind die Flüchtlinge ein Segen. Sogar ein vierfacher. Der Jurist von der Hochschule Osnabrück hat nämlich durchgerechnet, dass die große Zahl an Flüchtlingen, die in diesen Monaten nach Deutschland kommen, gleich vier gravierende Probleme der Deutschen lösen könnte: den demografischen Wandel, den Pflegenotstand, den Fachkräftemangel und das Elend verödender ländlicher Räume. So streitbar der Jurist Heußner seine Thesen vertritt, so nüchtern hat er diese durchgerechnet. Im Einzelnen mögen die Thesen angreifbar sein, im großen Ganzen schimmert bei ihm ein Masterplan durch, den man von Bundeskanzlerin Angela Merkel noch nicht vernommen hat, und die deswegen jetzt auch ins Lavieren kommt.

Der demografische Wandel bedeutet, dass die Zahl der älteren Menschen zunimmt, die der jungen wegen des Geburtenrückgangs abnimmt. Da Sozialversicherungen wie die Rente als Generationenvertrag einem Umlageverfahren entsprechen – die aktuell Jungen zahlen die Renten der Alten –, ist es daher kaum möglich, das Rentenniveau von derzeit 47,1 Prozent zu halten. Heute tragen rund 2,4 Arbeiter für die Rente eines Seniors bei. Bis zum Jahr 2035 müssten 1,5 Arbeiter diese Last schultern.

Um die Rente zu sichern, müsste rechnerisch entweder der Beitragssatz der Arbeitnehmer von derzeit 18,7 Prozent auf 30 Prozent in die Rentenversicherung steigen, oder das Rentenniveau müsste auf 30 Prozent (bezogen auf das letzte Einkommen) fallen. Beides ist ein Sprengsatz, »eine soziale Katastrophe«, sagt Heußner. Bei einer Einwanderung von 400 000 Menschen pro Jahr über die nächsten 20 Jahre könnte die Rente indes schätzungsweise auf einem Niveau von 40 Prozent und einem Beitragssatz der Einzahler von 20 Prozent gesichert werden, bilanziert Heußner: »Wir brauchen die Zuwanderung.«

Mit der älter werdenden Gesellschaft »wird auch die Pflegebedürftigkeit massiv ansteigen und damit der Bedarf an Pflegekräften«, sagt Heußner weiter. Es sei also Aufgabe der Politik, die Zugewanderten durch Anreize an diese Berufsfelder heranzuführen. Auch das hat der Jurist durchgerechnet. Um einen der deutschen Kultur und Sprache unkundigen Zugewanderten für den Arbeitsmarkt fit zu machen, bedarf es nach Ansicht von Heußner etwa ein Jahr Deutschkurs, drei Jahre Schulausbildung und weitere drei Jahre Berufsausbildung. Kosten: 65 000 Euro. Das scheint viel, ist aber günstiger als ein einheimisches Kind von der Geburt bis zum Beruf, was Eltern und Staat insgesamt 250 000 Euro kostet. Da die eigenen Kinder nicht da sind, sind die Zugewanderten in dieser Hinsicht ein Schnäppchen. Diese riesige Bildungsaufgabe müsse dem Staat und damit den Bürgern jährlich 26 Milliarden Euro wert sein. Dann ließen sich Lücken füllen.

Bildungs- und Integrationsprogramm dürften aber nicht zu einer Neiddebatte oder neuen Verteilungskämpfen im unteren Lohnsektor führen. Es müsse vermieden werden, dass die Flüchtlinge hierzulande als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt oder in den Sozialsystemen gelten, sagt Heußner, der mit seinem Thesenentwurf einen fulminanten Schlusspunkt bei der Ringvorlesung »Konflikte in Gegenwart und Zukunft« an der Universität Marburg setzte. Heußner setzt neben die Rechte der Schutzsuchenden denn auch Pflichten, etwa zur Bildung – zum Beispiel durch eine erweiterte Schulpflicht – oder zum Wohnort.

Nun ist zwar bekannt, dass die Flüchtlinge vorwiegend in Städte strömen. Dort gibt es eine intakte Infrastruktur, dort finden sie Landsleute und Verwandte. Doch »außerhalb des Speckgürtels der Großstädte kommt man schnell in menschenleere Landschaften«, berichtet Heußner. Viele Wohnungen und Häuser stehen leer. Arbeitsplätze und Lehrstellen bleiben unbesetzt.

Heußner kommt gern auf den Fall von Goslar zu sprechen: In den vergangenen zehn Jahren verlor die Stadt zehn Prozent der Einwohner, bis 2035 vermutlich noch mal 14 Prozent – wenn die Politik nicht gegensteuert. Der CDU-Bürgermeister versucht nun händeringend, Flüchtlinge für seine 50 0000-Einwohner-Stadt zu werben. Es gibt Wohnraum, Arbeitsplätze, Unterstützung. Letztendlich bedarf es einer gemeinsamen Integrationsanstrengung. Das betont auch Jurist Heußner: »Die Menschen sind jetzt da.« Es liegt an den Einheimischen und den Zugewanderten, dass die Integration gelingt. Die Lösung der vier Probleme fällt dann wie reife Früchte in die Hand. Martin Schäfer

Schlagworte in diesem Artikel

    Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.
0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos