Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Stadt » Übersicht »

JLU-Feld mit Gengerste »in Notstand« zerstört

Artikel vom 16.07.2009 - 00.25 Uhr

JLU-Feld mit Gengerste »in Notstand« zerstört

Gießen (srs). Jörg B. erhebt sich von der Anklagebank. Grinsend schließt er einen Projektor an. Er hält inne. Die Justiz, sagt er, produziere soziales Elend. »Ich bitte um zehn Sekunden Schweigen für die Strafgefangenen.« Hinter ihm auf den Bänken in Saal 15 des Gießener Landgerichts stehen knapp 50 Mitstreiter des Angeklagten auf.
Zahlreiche Polizisten und fast 50 Gentechnik-Gegner prägten gestern das Bild vor dem und im Landgericht.  	(Foto: Schepp)
Lupe - Artikelbild vergrössern
Zahlreiche Polizisten und fast 50 Gentechnik-Gegner prägten gestern das Bild vor dem und im Landgericht. (Foto: Schepp)
Als sie wieder Platz nehmen, setzt der 45-jährige Jörg B. zu einem Vortrag an. Neunzig Minuten lang schildert er seine Recherchen und Ansichten zu Vorgängen in der Gentechnik. Zur angeklagten Tat verliert er nur wenige Worte. Das Geständnis ist auf seinem T-Shirt abgedruckt: »I did it - Feldbefreiung«. Am 2. Juni 2006 haben er und der 28-jährige Patrick N. ein Versuchsfeld der Justus-Liebig-Universität mit transgener Gerste am Alten Steinbacher Weg zum Teil zerstört und dabei einen Sachschaden von 55 000 Euro verursacht. Zu einem halben Jahr Gefängnis wurden sie daraufhin am Amtsgericht Gießen verurteilt. Seit gestern läuft das Berufungsverfahren.

Beide Angeklagten räumten die Tat ein. Es habe sich in ihren Augen allerdings um einen »Notstand« gehandelt, erklärten sie. Die Forscher der JLU hätten bei dem Feldversuch unter anderem Auflagen nicht eingehalten. So hätten beispielsweise Mäuse entgegen einem Verbot auf das Feld gelangen können. Jörg B. warf den Wissenschaftlern der Gießener Uni Inkompetenz vor. Gleichzeitig gebe es in Fragen der Gentechnik keine unabhängige Institution, an die er sich hätte wenden können. »Wenn es zum Schutz der Umwelt keine legale Option gibt, dann muss man die Grenze des Legalen durchbrechen«, sagte der 45-jährige. »Die Entscheidung fällt auf den Feldern.« In seinen Ausführungen versuchte der Reiskirchener, die vorgebliche Notwendigkeit seines Handelns zu verdeutlichen. Im Bereich der Gentechnik bildeten Firmen, Forschungseinrichtungen, Lobbyverbände sowie Behörden ein »verfilztes Geflecht« und seien »nur scheinbar getrennt«.

Der erste Verhandlungstag vor der 8. Kleinen Strafkammer mutete bisweilen bizarr an. Der Angeklagte, der einst sein Studium der Landschaftsplanung abgebrochen hatte, referierte einem Professor gleich über Vorgänge in der Gentechnik. Unterdessen hatte gestern der Leiter des damaligen Versuchs am Alten Steinbacher Weg, Prof. Karl-Heinz Kogel vom Institut für Phytopathologie und Angewandte Zoologie, im Zeugenstuhl Fragen zu beantworten. Der Versuch auf dem 9,6 Quadratmeter kleinen Feld habe in erster Linie zum Ziel gehabt, Auswirkungen von genetisch veränderter Gerste auf Bodenpilze zu untersuchen. Kogel verteidigte den Versuch als »reine Grundlagenforschung« und »ökologisches Projekt«. Es sei botanisch ausgeschlossen, dass Gerste auf Wildkräuter in der Natur auskreuze.

20 Prozent der Versuchspflanzen seien im Juni 2006 von den Angeklagten zerstört worden. Allerdings habe man noch die Wurzeln analysieren und so mehrere Ziele weiter verfolgen können. »Wir waren daher nicht ganz am Boden zerstört.« Auch der ökonomische Schaden hielt sich offenbar in Grenzen. Für das Projekt hatte die Universität 352 000 Euro Zuwendungen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erhalten. Um nach der Zerstörung Restfragen zu klären, habe man noch einmal zusätzliche 301 000 Euro erhalten.

Bereits vor der teilweisen Zerstörung des Versuchsfelds hatte es mehrere Gespräche zwischen dem 45-jährigen Angeklagten und Kogel gegeben, berichtete der JLU-Professor. »Ich hatte den Eindruck, dass wir uns dabei näherkamen.« Doch zu Pfingsten 2006 sei das Thema »hochgekocht«. Dass die Angeklagten das Feld zerstören wollten, »war klar, wenn man es ernst nahm.«

Nach zehnstündiger Verhandlung unterbrach der Vorsitzende Richter Johannes Nink kurz nach 18 Uhr die Zeugenvernehmung. Kogel wird Mitte August daher erneut in den Zeugenstand treten.



Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 16.07.2009 - 00.25 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang