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Für Islamunterricht, gegen Moschee-Misstrauen

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Artikel vom 06.03.2009 - 22.13 Uhr

Für Islamunterricht, gegen Moschee-Misstrauen

Gießen (kw). In hessischen Schulen soll islamischer Religionsunterricht eingeführt werden: Diese Grundsatzentscheidung des Landtags wird von Fachleuten in und um Gießen prinzipiell begrüßt.
Die Korankurse in den Moscheen für Kinder und Jugendliche dürfe man allerdings nicht als »gefährlich« stigmatisieren: Das meinte im AZ-Gespräch Ramazan Kuruyüz, Vorsitzender der in Gießen ansässigen Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH). Die Pfarrer Bernd Apel (evangelisch) und Januarius Mäurer (katholisch) bestätigten, ihres Wissens bestehe kein Anlass zum Misstrauen gegen die Aktivitäten der islamischen Gemeinden im heimischen Raum. Der Gießener SPD-Landtagsabgeordnete Gerhard Merz äußerte indes den Verdacht, die CDU/FDP-Landesregierung wolle die Einführung des Islamunterrichts »auf die ganz lange Bank schieben«.

Immer wieder ist in der Debatte die Rede davon, dass Kinder lieber Religionsunterricht in deutscher Spache durch Staatsbedienstete hören sollten als »Hassprediger« in »dunklen Hinterzimmern«. Diese pauschalen Verdächtigungen weist Kuruyüz zurück. Weiterhin könne es eigene Kurse in Moscheen geben: Die Bedeutung christlicher Gemeinden werde ja auch nicht geschmälert durch die »Reli«-Stunden in der Schule. Kritisch sieht Kuruyüz an den Kursen in den Moscheen allerdings, dass die Imame oft nur wenige Jahre in Deutschland sind. »Sie können die Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen, die hier geboren sind, nicht richtig verstehen.« Zudem seien die Deutschkurse dieser Vorbeter in der Regel natürlich beschränkt. Wenn die Kinder religiöse Begriffe nur auf Türkisch oder Arabisch lernen, sei dies nicht so günstig für den interreligiösen Dialog.

Der Landtag-Beschluss für islamischen Religionsunterricht sei nun ein »historischer Schritt auf dem Weg zur besseren Integration«, so der IRH-Vorsitzende. Dieses Angebot könne das Zusammengehörigkeitsgefühl für muslimische Kinder und Jugendlicher fördern und sei ein Signal für die Gleichberechtigung. Natürlich müsse der Unterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen islamischer Religionsgemeinschaften erteilt werden. Sein Verband stehe dafür zur Verfügung, so Kuruyüz: »Der islamische Religionsunterricht war und ist das wichtigste Projekt der Integrationsarbeit der IRH.«

Dass Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) sich zunächst mit islamischen Religionsgemeinschaften an einem »runden Tisch« verständigen will, sieht Merz als integrationspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion kritisch. Die schwarz-gelbe Mehrheit habe diese Woche versucht, die inhaltliche Debatte durch »schäbige Geschäftsordnungstricks (...) abzuwürgen«, um die Widersprüche innerhalb der Koalition zu überdecken, schreibt der Gießener. Henzler sei mit ihrer Absicht gescheitert, mit- hilfe von Modellversuchen schnell voranzukommen, offenbar »vor die Wand gelaufen«.

Sinnvoll wäre es, das neue Vorhaben »pragmatisch« bald in ein bis zwei Landkreisen zu starten, wie es andere Bundesländer getan haben: Das meint Bernd Apel, evangelischer Pfarrer für Ökumene und christlicher Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft. Im Islam gebe es nun einmal keinen zentralen Dachverband, der Organisationsgrad der Muslime sei gering. Die evangelische Kirche befürworte diese Form der Religionsfreiheit: »Wir können den Religionsunterricht auf Dauer nicht den christlichen Kirchen vorbehalten in einem Land, in dem 3,5 Millionen Muslime leben.«

Auch der katholische Dekan Mäurer findet islamischen Religionsunterricht »grundsätzlich in Ordnung«. Bei manchen Menschen lösten die Pläne Ängste aus, doch: »Es wird ja seriös und nicht von heute auf morgen umgesetzt werden.«

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