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Emotion statt Routine: Stolpersteine zum dritten Mal verlegt

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Artikel vom 22.10.2009 - 23.40 Uhr

Emotion statt Routine: Stolpersteine zum dritten Mal verlegt

Gießen (mö). Gunter Demnig ist ein schneller und stiller Arbeiter. Nach weniger als zwei Minuten sind die zwei mit einer Messingplatte versehenen Pflastersteine eingepasst. Demnig wäscht den feinen Kies mit Wasser von dem goldglänzenden Metall ab, dann legt jemand ein Rosensträußchen daneben, von der anderen Seite wird ein Teelicht dazugestellt. Dieses Prozedere wiederholt sich gestern Morgen an insgesamt zehn Stellen in Gießen und Wieseck. Zur Routineangelegenheit wird die dritte Verlegung von »Stolpersteinen« zur Erinnerung an Opfer des Holocaust aber nicht. Wer dabei ist, erlebt Momente stummer Emotion.
Gestern wieder in Gießen unterwegs: Gunter Demnig, hier bei der Verlegung in der Karl-Benner-Straße.
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Gestern wieder in Gießen unterwegs: Gunter Demnig, hier bei der Verlegung in der Karl-Benner-Straße.
Vor dem schmucken Fachwerkhäuschen in der Gießener Straße 27 in Wieseck spricht Pfarrerin Carolin Kalbhenn kurze Worte des Gedenkens für Lina Krittenstein und Eva Katz, die Theresienstadt nicht überlebten. Unter den fast 40 Zuhörern, die sich auf dem schmalen Bürgersteig und zwischen den geparkten Autos drängen, sind auch einige alte Wieseckerinnen, die die beiden Jüdinnen noch gekannt haben, teils als direkte Nachbarn. Die Frauen nicken stumm, als die Pfarrerin die beiden Namen nennt.

Aber nicht nur in Wieseck, wo gestern insgesamt sieben Stolpersteine verlegt wurden, nimmt die Bürgerschaft Anteil an der Aktion. Ob in der Weidengasse, dem Neuenweg oder der Landgrafenstraße: Überall versammeln sich kleine und größere Gruppen zum späten Andenken an die Opfer des Holocaust. In großer Zahl kommen die Bürger zur Adresse Gartenstraße 30. Stadtrat Prof. Heinrich Brinkmann ist da, die Lokalhistorikerin Dagmar Klein ebenfalls, auch der emeritierte Hochschullehrer und Historiker Prof. Helmut Berding, Träger der Hedwig-Burgheim-Medaille, ist gekommen. Denn vor dem Nachkriegsbau wird der Stolperstein für die Namensgeberin des von der Stadt alle zwei Jahre veliehenen Preises verlegt. Hier befand sich das von der berühmten Pädagogin geleitete Fröbelseminar. 1933 erteilten die Nazis Hedwig Burgheim Berufsverbot. Zehn Jahre später wurde sie in Auschwitz ermordet. Monika Graulich, Mitglied der Gießener Projektgruppe Stolpersteine, nennt Burgheim eine »beeindruckende Persönlichkeit«. Von der Aliceschule, Nachfolgeeinrichtung des Fröbelseminars, in dem Erzieherinnen ausgebildet wurden, sind als Stolperstein-Paten Leiter Karl-Heinz Bremer und Abteilungsleiterin Doris Nickel gekommen.

Durch die Paten werden die 95 Euro teuren Verlegungen finanziert. Bei der dritten Auflage haben neben Institutionen wie der Universitätsbibliothek (Dr. Peter Reuter), der Wiesecker Michaelsgemeinde, der Wiesecker SPD und die Licher Chambre-Stiftung die Privatpersonen Dr. Ludwig Brake, Angelika Nailor, Christa Hahn, Wilfried Heines, Wolfgang Bellof und Horst Deumer die Kosten übernommen. Die Recherche der Biografien der Opfer lag bei Klaus Weißgerber, Monika Graulich, Ursula Schroeter und Stadtarchivar Ludwig Brake.


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Vor allem bei den Verlegungen in Wieseck wird spürbar, dass das Gedenken neben dem historischen noch ein persönliches Moment hat. Viele Ältere sind gekommen, die die im Holocaust umgebrachten Juden selbst noch oder aus Erzählungen kannten. Ein Wiesecker Stolperstein wird direkt an der Kreuzung der Philosophenstraße mit der Gießener Straße verlegt. Früher war das der »Karussellplatz«, klärt der frühere Pfarrer Horst Deumer die spätgeborenen und zugezogenen Zuhörer auf. Dort habe früher das Haus Gießener Straße 80 gestanden, in dem der schwerbehinderte Moritz Löwenstein wohnte. »Hier saß er immer im Rollstuhl vor seinem Haus und hat mit den Leuten Schwätzchen gehalten«, sagt Deumer. Im März 1943 wurde der 64-Jährige in Theresienstadt umgebracht. Nach drei weiteren Verlegungen in Wieseck, darunter vor der früheren Synagoge in der Karl-Benner-Straße (für Meier und Settchen Grünewald), geht’s ins Gemeindehaus der Michaelsgemeinde, wo eine Dokumentation und die Rechercheure genauere Auskunft geben.

Wer den Weg, den Gunter Demnig gestern durch Gießen genommen hat, nachgehen will, stößt unter folgenden Adressen auf die jeweiligen Stolpersteine: In der Weidengasse 18, im Neuenweg 19 und 19a, in der Landgrafenstraße 8, Gartenstraße 30, Krofdorfer Straße 26, Gießener Straße 80, Karl-Benner-Straße 3, Gießener Straße 27 und Kirchstraße 5. Insgesamt gibt es in Gießen damit jetzt 72 Stolpersteine an 29 Orten.

Nähere Informationen zu den Biografien der Opfer finden Interessierte auf der Internetseite www.stolpersteine-giessen.de.

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Artikel vom 22.10.2009 - 23.40 Uhr
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