Gießen (srs). Die Tour kommt ins Rollen. Fahrradklingeln hüllen den Vorplatz des Gießener Bahnhofs in ein helles Läuten. Achtzig Räder setzen sich langsam in Bewegung. Ein Trikot trägt keiner; auch ein Rennrad ist nicht zu erkennen. Stattdessen fahren Mountainbikes neben Hollandrädern, Liegeräder neben Tandems, Kinder neben Greisen.
Die 18. »Tour de Natur« startete gestern vom Gießener Bahnhofsvorplatz in Richtung Magdeburg. (Foto: srs)
Es sind die ersten Meter einer Fahrt, die die Teilnehmer in den kommenden zwei Wochen über Kassel und Eisleben bis nach Magdeburg führen wird. Gestern startete in Gießen die 18. »Tour de Natur«, die sich insbesondere für umweltschonendes Reisen und gegen den Bau von Autobahnen einsetzt. Für die Fahrer ist die Tour weit mehr als nur gemeinsames Radeln durch Wald und Wiesen. Sie ist zudem Demonstrationszug, Ost-West-Projekt und Übung im Miteinander ohne den Einsatz von Ellbogen - in den Worten eines Teilnehmers zwei Wochen »gelebte Utopie«.
Für Schweißperlen in den Gesichtern sorgte die hochsommerliche Hitze bereits beim Start. 450 Kilometer liegen noch vor den Fahrern, bis sie am 9. August in Magdeburg ankommen werden. Jeden Tag legen sie zwischen 30 und 50 Kilometer zurück. Während der Etappen steigen die Teilnehmer immer wieder vom Sattel und informieren sich vor Ort über Aktivitäten von Vereinen und Initiativen, die sich ebenfalls für alternative Verkehrsmittel engagieren. Gestern legten sie in Lollar einen ersten Halt ein. Michael Laux berichtete über die Bemühungen der Lumdatalbahn AG, die 1981 stillgelegte Bahnstrecke wieder zu aktivieren. Des Weiteren gehören Kundgebungen und Podiumsdiskussionen zum Programm. Am Freitag wird sich in Kassel ein Vortrag auf die Lobbyarbeit der Straßenbauindustrie konzentrieren.
Die »Tour de Natur«, die jedes Jahr in einer anderen Route verläuft, riefen vor 18 Jahren Umweltaktivisten im Süden Thüringens ins Leben. Sie protestierten damit gegen den Ausbau der Autobahnen 73 und 77. Bald schlossen sich Gleichgesinnte aus Franken an, und so entstand ein Demonstrationszug auf Zweirädern, an dem jährlich bis zu 150 Menschen aus ganz Deutschland teilnehmen. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen den Ausbau von Autobahnen. Ein langfristiges Ziel für den Gießener Raum ist die Einrichtung einer Tram, die die Innenstädte, Universitäten und Kliniken Gießens sowie Marburgs verbinden soll. Hinter der Tour stehen zahlreiche ökologische Bewegungen, unter anderem die Grüne Liga, der BUND und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club.
Für Wolfgang Schuch ist das Radeln selbst eher eine Nebensache. »Wir üben in den zwei Wochen eine alternative Lebensweise«, sagt er. Es gebe keine hierarchische Verteilung der Aufgaben. »Jemand sagt, was zu tun ist, dann finden sich auch Leute.« Schuch, der seit 2000 mitfährt, beobachte jedes Mal, wie sich Teilnehmer im Lauf der Tour verändern, »ihre Ellbogen verlieren«. »Das ist gelebte Utopie«, sagt er. Umso schwerer sei es, danach wieder ins normale Leben zurückzukehren. Die Teilnehmer übernachten in Turnhallen und auf Zeltplätzen. Sie essen ausschließlich biologische Produkte von Biobauern vor Ort.
Schirmherr der »Tour der Natur« ist Dr. Axel Friedrich, ehemaliger Leiter der Abteilung »Umwelt und Verkehr« im Umweltbundesamt. In einer kurzen Rede mahnte er gestern eine Verkehrspolitik an, die sich an den Erfordernissen der Umwelt orientiere. Kurze Worte äußerten außerdem Christian Otto, Gießener Stadtverordneter der Grünen, sowie Nils Kahl (Verband »Pro Bahn«), der eine »künstliche Trennung« des Regional- und des Fernverkehrs durch die DB AG kritisierte.
Eine spontane Teilnahme ist noch möglich. Heute Abend kampiert die »Tour der Natur« in Marburg im Gymnasium Philippinum. (Infos im Internet unter www.tourdenatur.net.)