Gießen (kw). Die Sommerhitze ist in aller Munde, doch über hohe Ozonwerte spricht kaum noch jemand, obwohl das Ozon jahrelang die Schlagzeilen auch in der Gießener Allgemeinen bestimmte. War also alles sinnlose Hysterie? Nein, sagt im AZ-Interview der Lungenspezialist Prof. Friedrich Grimminger (Bild) vom Universitätsklinikum Gießen. Ozon könne vor allem Lungenkranken, aber auch Ausdauersportlern schaden.
Ozon ist zwar nicht mehr in aller Munde, aber birgt nach wie vor Gefahren, weiß der Lungenspezialist Prof. Grimminger.
Dieses Risiko sei in den letzten Jahren hierzulande aber zurückgegangen: Offenbar sei die Luft dank gesetzlicher Regelungen sauberer geworden.
Herr Prof. Grimminger, ist Ozon für Sie überhaupt noch ein Thema?
Ozon ist im Sommer immer wieder ein Thema. Insbesondere bei langanhaltender intensiver Sonneneinstrahlung und wenig Wind. Schon bei mittleren Werten löst es vor allem bei Asthamatikern und Lungenkranken Entzündungsreaktionen in den Bronchien aus, die nicht bakteriell bedingt sind. Das führt zu einer Verschlechterung der Grunderkrankung mit einer messbaren Abnahme der Lungenfunktion. Diese Verschlechterung ist aber zum Glück reversibel. Bei höheren Konzentrationen können auch Gesunde Atemwegsprobleme bekommen. Symptome sind etwa Kopfschmerzen, Augenbrennen, Halsschmerzen oder Husten. Ingesamt kommt es weniger darauf an, welche Spitenwerte erreicht werden, sondern vor allem darauf, wie lange die Ozonkonzentration in einer kritischen Höhe anhält. Über 300 Mikrogramm pro Kubikmeter sind definitiv auch akut ein Problem selbst für Lungengesunde. Diese Spitzen werden aber seit Jahren nicht mehr erreicht.
Wie vermeidet man gesundheitliche Probleme?
Man sollte sich körperlich schonen. Wer sich anstrengt, atmet etwa 20 Mal mehr Luft ein, entsprechend auch mehr Ozon. Sport kann man aber auch in Zeiten hoher Ozonkonzentration treiben, weil die Konzentrationen tageszeitlich stark schwanken. Am niedrigsten sind sie morgens, aber auch abends nach Regen oder bei Wind.
Was kann man tun, wenn man Atemwegsprobleme bekommt?
Lungenkranke sollten ihre Mittel nehmen, die die Bronchien weitstellen und schützen. Bei Gesunden gehen die Symptome in der Regel von selbst wieder zurück.
Ist für Gesunde das Ozon also eigentlich nicht wirklich gefährlich?
Wenn Ozonkonzentrationen auf Dauer aus dem Ruder laufen, schon. Die meisten Fachleute halten es für wahrscheinlich, dass diese kleinen Entzündungen die Tür öffnen für die Entstehung von Allergien. Eingeatmete Allergene, zum Beispiel Pollen, können so tiefer in die Schleimhautschichten der Atemwege eindringen und eine Sensibilisierung auslösen. Besonders bei Kindern wird daher empfohlen darauf zu achten, dass sie bei hohen Ozonkonzentrationen nicht zu körperlichen Höchstleistungen getrieben werden. Für schwer Lungenkranke kann Ozonbelastung der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. In dieser Bevölkerungsgruppe ist ein Anstieg der Sterblichkeit unter starker Ozonwirkung nachgewiesen. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt aber, dass die ganz gefährlichen Konzentrationen hier praktisch nicht mehr vorkommen. Auch die derzeitigen Werte - sie erreichen hier meistens 120 bis 160 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft - geben noch keinen Anlass zu wirklicher Besorgnis. Sie haben das Niveau einer hellgelben Ampel - eine Warnstufe ist für die Behörden noch nicht erreicht.
Es wird doch schon geraten, keinen Sport in der Mittagshitze zu treiben. Muss man da überhaupt auf Ozonwerte achten?
Für gut Trainierte ist die Hitze kein Problem, wenn sie genug trinken. Viel Ozon einzuatmen, ist dagegen für niemanden gut. Extremsportler achten deshalb auch auf die regionale Verteilung des Ozons auf den veröffentlichten Ozonlandkarten. Für sie ist in den Phasen des Ausdauertrainings die geografische Lage ihrer Trainingstätte auch abhängig vom lokalen Ozonrisiko. Ein solcher Sportler merkt häufig unmittelbar an der Verschlechterung seiner Lungenfunktion den Anstieg der Werte über die kritische Schwelle.
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