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Zahnklinik: Weitere Schadstoffe nachgewiesen

Artikel vom 03.09.2010 - 16.01 Uhr

Zahnklinik: Weitere Schadstoffe nachgewiesen

Gießen (si). Die Zahnklinik ist wohl stärker mit Umweltgiften belastet, als Mitarbeiter und Öffentlichkeit bisher wissen.

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Das Umweltgift PCB kommt vor allem aus den Deckenplatten des Zahnmedizin-Gebäudes. Das kleine Foto entstand gestern im sechsten Stock im Institut für Humangenetik und zeigt eine Platte, die seit etwa zehn Jahren locker sein soll. Das Labor wurde erst kürzlich geschlossen – auf Anweisung des Instituts-Direktors, der um die Gesundheit seiner Mitarbeiter fürchtet. (Fotos: Schepp)
Ein in der vergangenen Woche vorgelegtes neues Gutachten weist höhere Schadstoffkonzentrationen der Chemikalie PCB aus, als bei früheren Untersuchungen festgestellt wurde. Außerdem wurden sogenannte »VOCs« – »flüchtige organische Verbindungen« – nachgewiesen, und zwar in einer Dichte, die über den maximalen Werten liegt, die das Umweltbundesamt für Aufenthaltsräume festgelegt hat. Auch Formaldehyd tauchte in »auffälliger« Konzentration auf. Die Untersuchungen wurden im Institut für Humangenetik, das im fünften und sechsten Stock der Zahnklinik untergebracht ist, auf Initiative ihres Direktors Prof. Ulrich Müller durchgeführt. Dort und in den anderen Etagen hatte die Universität schon früher – zuletzt im März – eigene Messungen vornehmen lassen. Allerdings sollen dabei Räume, die denen hohe PCB-Konzentrationen vermutet wurden, gar nicht untersucht worden sein. In anderen sei vor der Messung erst einmal gründlich gelüftet worden, berichten Mitarbeiter.

Die 160 Bediensteten, die im Gebäude der Zahnklinik arbeiten, wissen offiziell erst seit dem Frühjahr von der PCB-Belastung. Damals räumte JLU-Kanzler Dr. Michael Breitbach bei einer Mitarbeiterversammlung ein, dass die Chemikalie nachgewiesen worden sei. Der genaue Zeitpunkt und die Anzahl der Messungen blieb damals unklar, so berichten Teilnehmer des Veranstaltung. Auch konkrete Messdaten habe Breitbach damals nicht genannt (sie sind übrigens bis heute nicht öffentlich gemacht worden). Bei den Beschäftigten kam jedenfalls die Nachricht an: Es gibt PCB-Belastungen, aber sie liegen unter den Grenzwerten, die kurzfristige Interventionen erfordern. Für sichere Aussagen seien weitere Untersuchungen notwendig – die dann auch eingeleitet wurden.

Tatsächlich gab es schon lange vor dem Frühjahr 2010 Schadstoffanalysen. So schrieb der Ärztliche Direktor des Uniklinikums, Prof. Norbert Katz, am 22. Juli 2009 in einem Brief an den Kanzler von »neuen« Messungen, die im Hörsaal und einem Sekretariat der Zahnklinik durchgeführt worden seien. Die Ergebnisse hätten sich im Bereich früherer (!) Untersuchungen bewegt. Die PCB-Werte lagen mit 880 Nanogramm/m3  bzw. 1725 ng/m3 zwar einerseits deutlich unter den 3000 ng/m3, nach denen kurzfristig eingeschritten werden muss. Aber andererseits eben auch deutlich über den als unbedenklich geltenden 300 ng/m3. Zwischen 300 und 3000 ng/m3 schreibt der Gesetzgeber eine Sanierung innerhalb von zwei Jahren zwingend vor.

Ab wann Universitätsleitung und Klinikumsvorstand die PCB-Belastung bekannt war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. In der Objektbeschreibung des Klinikums, die vor der Privatisierung erstellt wurde – 2005 –, war der Hinweis auf das Umweltgift jedenfalls enthalten. Vermutlich war das Problem jedoch schon seit den 90er Jahren bekannt. Damals gab es die ersten PCB-Sanierungen in der inzwischen abgerissenen Kinderklinik, wie die Landesregierung später diskret einräumte. Dass Kinder- und Zahnklinik weitgehend baugleich errichtet waren, dürfte Hochschul- und Klinikumsleitung bekannt gewesen sein.

Merkwürdig ist, wie die Messungen im März dieses Jahres abliefen: Nach Angaben von Augenzeugen wurde in einem Labor, das im vergangenen September mit dem hohen PCB-Wert von 2146 ng/m3 aufgefallen war, das Messgerät direkt am Fenster angebracht, das vorher den ganzen Tag geöffnet war. Im Sozialraum sorgte eine offene Tür für Durchzug – beides verfälscht die Ergebnisse. Im Büro des Institutsdirektors, das zuvor ebenfalls mit hohen PCB-Werten aufgefallen war, gab es gar keine Untersuchung mehr. Den Bericht hierüber, der noch weitere Ungereimheiten aufzählt, erhielten Breitbach und andere Hochschulangehörige in leitender Stellung am Tag nach der Begehung.

Der Direktor des Instituts für Humangenetik spricht unterm Strich von einem »bedenklichen Verhalten« der Verantwortlichen. Die »Unterdrückung der bekannten PCB-Belastung über mindestens zehn Jahre« sei »menschenverachtend«. Nach den jüngsten, von ihm selbst veranlassten Messungen habe er jedenfalls eine Erklärung dafür, dass Bedienstete des Instituts häufig an starkem Kopfweh litten und bei ihnen über Jahre hinweg Schwindel- attacken aufgetreten seien, so Institutsleiter Müller.

Kanzler Breitbach hat für kommenden Dienstag eine weitere Mitarbeiterversammlung angekündigt, bei der die Bediensteten über die Schadstoffbelastung informiert werden sollen.

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Artikel vom 03.09.2010 - 16.01 Uhr
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Leserkommentare
(06.09.2010 20:26)
peterle
Eine unglaubliche Sauerei
ist da in der Zahnklinik gelaufen. Die Verantwortlichen aus der Universität und dem Klinikum müssten man mal eine Woche dort einsperren. Wenn in deren Büros das Gift gefunden worden wäre: die Räume wären schon längst saniert, wetten?? Bin gespannt, wie es weitergeht.
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