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Wenn der Internet-Austausch zur Schikane wird

Artikel vom 22.10.2009 - 23.45 Uhr

Wenn der Internet-Austausch zur Schikane wird

Gießen (kw). »Unbeliebte« auf der einen Seite, besonders Gemeine auf der anderen: Das gab es schon immer unter Jugendlichen. Doch in Zeiten des Internets sind die Möglichkeiten der Demütigung ganz andere als noch vor zehn Jahren. Nicht selten dringen Probleme mit Online-Mobbing sogar bis zur Polizei vor. Das berichtete im AZ-Gespräch Antje Suppmann, Jugendkoordinatorin im Polizeipräsidium Mittelhessen.
Polizei-Experten - etwa von der Arbeitsgruppe gegen Gewalt an Schulen (AGGAS) - sehen mit Sorge, wie offenherzig sich Jungen und Mädchen in Internet-Foren wie »Schüler-VZ« oder »ICQ« präsentieren. Dies sogar dann, wenn sie schon erleben mussten, dass beispielsweise ihre Fotos verfremdet werden, erzählt Antje Suppmann. Doch sie weiß: »Wer bei Schüler-VZ oder ICQ nicht dabei ist, gehört nicht dazu.«

Allzu arglos öffneten viele Jungen und Mädchen ihre eigene Selbstdarstellung den anderen Internet-Nutzern. Damit begäben sie sich nicht nur in die Gefahr, dass Pädophile sich an sie heranmachen. Viel häufiger erlebten sie Bloßstellungen durch Gleichaltrige, wie die Experten bei der Polizei nur allzu gut wüssten.

Demütigende Bilder oder Filme würden ins Netz gestellt: Etwa Handy-Aufnahmen, die in der Sport-Umkleide oder unter der Tür der Schultoilette hindurch entstanden sind. Filme, die zeigen, wie jemand angepöbelt wird. Oder Klassenfotos, bei denen der unbeliebte Mitschüler mit einem Schweinskopf versehen ist. Hinzu kämen verbale Beleidigungen. Es bildeten sich »Diskussions«-Gruppen mit dem einzigen Zweck, über einen bestimmten Jugendlichen oder auch Lehrer herzuziehen. »Da tauscht man sich zum Beispiel in unflätiger Sprache über dessen Kleidung aus.« Die »Opfer« bekämen das natürlich irgendwann mit, etwa weil jemand sie darauf anspricht. Und sie müssen mit dem Wissen leben, dass quasi die ganze Schule und theoretisch jeder Computernutzer auf der Welt davon erfährt.

Eine gewisse Verrohung der Gesellschaft spiegle sich hier wider, meint Antje Suppmann. Zugleich lasse sich beim Austausch über das Internet leichter ignorieren, was man dem Gegenüber antut. Grenzen, die man im direkten Gespräch vielleicht noch einhält, würden beim Mobbing über Tastatur und Bildschirm eher überschritten. Wenn man die Täter anspreche, stelle sich häufig heraus, dass ihnen die möglichen Folgen nicht klar sind - ganz zu schweigen von der Strafbarkeit ihres Verhaltens. »Dass jeder ein Recht am eigenen Bild hat, sorgt für großes Erstaunen.« Zugleich glaubten viele recht naiv, dass vermeintlich private oder anonyme Bereiche im Internet Schutz böten. Klarmachen müsse man den jungen Menschen auch oft, dass man nie genau weiß, ob der Chat-Partner wirklich der ist, der er zu sein behauptet.

Jugendlichen rät Antje Suppmann, vorsichtiger mit ihren Daten und Fotos im Internet umzugehen. Das gelte besonders für Bilder mit sehr privatem Charakter. An Eltern appelliert sie, aufmerksam dafür zu sein, was ihre Sprösslinge am Rechner machen. »Nicht einfach den Laptop verschenken, den das Kind dann mit in sein Zimmer nimmt, wo es stundenlang alleine dransitzt. Ein Computer kann ja auch in einer Ecke im Wohnzimmer stehen, wo man gelgentlich einen Blick drauf werden kann.« Wer frühzeitig Interesse zeige, stoße bei Tochter oder Sohn oft auf Offenheit: »Viele sind stolz, wenn sie Mama oder Papa etwas zeigen können.«

Im Gespräch über Computernutzung zu bleiben, sei auch dann wichtig, wenn Kinder Betrügern ins Netz gehen und beispielsweise versehentlich Abo-Verträge abgeschlossen haben. Manche verschwiegen das ihren Eltern zunächst. Sobald die Widerspruchsfrist abgelaufen ist, sei es dann meist zu spät. Das geschehe seltener, wenn Mütter und Väter wirkliche Ansprechpartner ihrer Kinder sind.

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Artikel vom 22.10.2009 - 23.45 Uhr
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