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»Wende« von vielfältigen Erfahrungen geprägt

Artikel vom 22.06.2009 - 21.50 Uhr

»Wende« von vielfältigen Erfahrungen geprägt

Gießen (ast). Dass die Zeit der Wende 1989 ein grenzüberschreitendes Phänomen war und sich nicht auf die Ereignisse in der DDR und die deutsch-deutsche Wiedervereinigung reduzieren lässt, erörterten vier europäische Wissenschaftler bei einer Podiumsdiskussion in der Aula der Justus-Liebig-Universität.
Die Gesprächsrunde unter dem Motto »Der Wendeprozess oder der lange Weg zur Freiheit« fand im Rahmen einer Tagung statt, die vom Herder-Institut Marburg und dem Gießener Zentrum Östliches Europa (GiZo) in Kooperation mit dem Historischen Institut der JLU und dem Zentrum für Medien und Interaktivität veranstaltet wurde. Unter der Moderation von Dr. Eberhard Nembach vom Hessischen Rundfunk diskutierten die Teilnehmer über unterschiedliche historische Erfahrungen, Wahrnehmungsformen und Erinnerungskulturen rund um »1989« und die Leitfrage: Wie gehen wir und unsere europäischen Nachbarn mit den vergangenen Ereignissen um?

Selbst in Deutschland gebe es Kontroversen, jene Phase als Wende oder als friedliche Revolution zu bezeichnen, sagte Prof. Martin Sabrow, Leiter des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam sagte. Dies liege unter anderem daran, dass verschiedene Gruppen den Umbruch für sich beanspruchten: Bürgerrechtler, Ausreisebewegung, Antikommunisten. »Das Jahr 1989 erscheint uns in der öffentlichen Wahrnehmung auf den ersten Blick als Zäsur, die aus einer unbestreitbaren Entwicklung gekommen sein muss«, sagte er. Er sehe eine folgerichtige Entwicklung der Ereignisse hin zum friedlichen Mauerfall durchaus kritisch. Alternative Szenarien, wie etwa die brutale Unterdrückung von Demonstrationen wie in China wären auch in der DDR möglich gewesen. Er selbst pflichtete seinem polnischen Kollegen Kaszimierz Wóycicki bei, diese Zeit eher als Zusammenbruch der alten Systeme zu bezeichnen.

Der Dozent an der Universität Warschau und am Zentrum für Internationale Beziehungen tätige Wóycicki kritisierte in seinem Statement die mangelnde Aufarbeitung des Alltags in der DDR. »Es werden zu wenig kritische Fragen gestellt zum Konformismus der DDR-Bürger gestellt«, meinte er. Dies würde nämlich eine in Deutschland sehr schwere Mentalitätsdebatte aufwerfen, so Wóycicki.

Auch andere Länder täten sich schwer mit der Aufarbeitung jener Jahre, so István Hegedıs, Vorsitzender der Ungarischen Europa-Gesellschaft in Budapest. In Ungarn werde gerne über die Zeit des Systemwechsels geschwiegen, meinte er, denn jetzt sei alles anders. Man sei Teil des Westens geworden, warum daher über früher reden? Auch in Ungarn reklamierten verschiedene politische Strömungen wie die Reformkommunisten und der Oppositionsgruppen, den Systemwechsel, wie es in Ungarn heißt, für sich, berichtete Hegedıs. Dies führe eben zu jener ungenauen und verschwindenden gesellschaftlichen und politischen Erinnerung an die Zeit vor 1989.

Prof. Peter Haslinger stellte sich die Frage, ob es sich bei dem Kollaps der staatssozialistischen Systeme um das Ergebnis einer logischen Entwicklung handele oder ob es ein historischer Zufall gewesen sei. Dabei beleuchtete der Direktor des Herder-Instituts Marburg und Hochschullehrer an der JLU dieses Ereignis vor dem Hintergrund der sozio-ökonomischen und politischen Krisen in den osteuropäischen Ländern. Besonderes Augenmerk richtete er auf die Zerfallserscheinungen in der Sowjetunion, die zu einer Destabilisierung des gesamten Machtgefüges im Ostblock geführt hätten. Haslinger war es allerdings wichtig, keine reine Begriffsdebatte über Wende, Revolution oder Systemwechsel zu führen, sondern die europäische Mehrfachperspektive auf die Ereignisse weiter zu verfolgen. Eine gemeinsame, europäische Geschichtserzählung, wie sie Wóycicki forderte, sei daher nicht möglich. Es gab nicht nur ein, sondern viele »1989« in Ostmitteleuropa, mit jeweils unterschiedlichen Vorgeschichten und Verlaufsformen.

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Artikel vom 22.06.2009 - 21.50 Uhr
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