Gießen (kw). Was könnte aus dem imposanten Schlachthof am Westufer der Lahn werden? Und: Welche Angebote fehlen uns in Gießen? Antworten auf beide Fragen zugleich haben Architekturstudentinnen und -studenten der Fachhochschule Gießen-Friedberg in den vergangenen Monaten gesucht.
Wo bisher Tiere geschlachtet werden, könnte künftig Theater zur geistigen »Nahrung« des Menschen präsentiert werden, findet Waleri Pfeif (r.), hier im Gespräch mit Prof. Zieske. Wie seine Kommilitonen wünscht sich der angehende Architekt mehr Freizeitangebote in Gießen. (Foto: Schepp)
Bei 20 entstandenen Entwürfen fiel das Urteil einhellig aus: Die Stadt braucht mehr Kultur, und dafür wäre das denkmalgeschützte Backsteingemäuer ein geeigneter Platz. Dass die Pläne tatsächlich umgesetzt werden, sei allerdings derzeit eher unwahrscheinlich, räumt Prof. Nikolaus Zieske ein. Der FH-Fachmann für Entwerfen und Bauen im Bestand lobt die Teilnehmer seines Seminars als »sehr gutes Semester«.
Den markanten Turm des Schlachthofs kennt fast jeder, kaum ein Normalbürger hat aber schon die große Verbindungshalle mit Stahltragewerk (»fast wie ein Bahnhof«) von innen gesehen, die deckenhoch geflieste Schweineschlachthalle oder die Maschinenhäuser mit ihren schönen Fenstern. Das in den Jahren 1908 bis 1913 errichtete Ensemble habe »Charakter«, findet Zieske. Doch wenn sich kein Investor finde, der das »große Potenzial« des Gebäudes nutzt, dann werde es wohl demnächst verfallen. Denn bedauerlicherweise beziehe die Stadt das Gelände ja nun doch nicht in die Planungen für die Landesgartenschau 2014 ein. Es fehle offenbar das Geld für den Rückkauf des Schlachthofs, der der Firma Emil Färber GmbH & Co gehört. Zweimal in der Woche werde in der Weststadt noch geschlachtet, doch wegen Hygienevorschriften sei eine teure Sanierung erforderlich, die für den Eigentümer voraussichtlich zu teuer würde.
Einen »Kultur-Gewerbehof« hatte bereits der Masterplan der Stadt (2005) vorgeschlagen, und in diese Richtung gehen auch die Ideen der Studierenden. Veranstaltungsräume und Gastronomie finden sich in allen Entwürfen. Walerie Pfeif plante ein Theater mit nach außen fahrbarer Bühne, Inna Reitenbach eine Disco in den dunklen Kühlhäusern mit ihren dicken Wänden. Angelika Köstler fand die »etwas bedrückende Atmosphäre« dort geeignet für eine »Dinner- und Krimi-Show«; Katharina Krebs würde dort eine »Wunderwelt für Sinne« etablieren, die vor allem Kindern besondere Erlebnisse bieten könnte; Corinna Scholz sieht einen Radiosender als Hauptnutzer vor. Ramona Gerber schlägt unter anderem eine Tanzschule als Mieter vor, Anke Siegmund ein Kochstudio, Martina Reitz einen Jazzclub und eine Werbeagentur, Alexander Volz eine Bar mit Mobiliar aus Eis.
Auf diese Nutzung seien sie nicht nur deshalb gekommen, weil sie selbst solche Freizeitangebote in Gießen vermissen, berichten die Studierenden im Alter zwischen etwa 22 und 28 Jahren, sondern auch wegen der besonderen Räumlichkeiten im Schlachthof. Die seien zum Wohnen »nicht optimal geeignet«, erklärt Zieske: »Es sind keine Flächen, die Ruhe verbreiten.« Hinzu komme, dass einige der alten Industriebauten am Tage schlecht oder nicht beleuchtet seien.
Rund ein halbes Jahr lang haben sich die Gedanken der Seminarteilnehmer darum gedreht, was man aus dem Schlachthof machen könnte. Sie haben Pläne gezeichnet, Modelle gebaut, über mögliche Materialien, Treppenhäuser, Zwischendecken und Dachgestaltung gegrübelt. Erstmals im Studium hätten sie eine derart umfassende Aufgabe gelöst, berichten sie. »In der letzten Woche vor Abgabe macht man nichts anderes mehr außer vielleicht essen und schlafen.« Um so mehr hoffen sie, dass eines Tages vielleicht wirklich ein Kulturzentrum dort entsteht. Auch wenn aus seinen Seminaren nur selten ein Entwurf direkt umgesetzt wird, könne der Eigentümer von der »breiten Ideensammlung« profitieren, meint Zieske. Seinen Studierenden hat er den Satz ans Herz gelegt: »Architekturentwürfe sind die gedankliche Vorwegnahme einer besseren Welt.«
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