Gießen (son/kw). Viele Menschen sitzen in diesen Tagen und Wochen vor den Untersuchungsräumen der Unfallchirurgie in den heimischen Krankenhäusern. Die meisten sind Opfer der Wetterverhältnisse geworden.
Nicht jeder kann nach einem Sturz und Knochenbruch frisch eingegipst gleich wieder nach Hause gehen. Manche Patienten müssen operiert und stationär aufgenommen werden. Die Folge: Die Unfallchirurgie-Stationen sind in diesem Winter häufig überbelegt. (Foto: Schepp)
Er wollte an diesem Morgen eigentlich zum Zahnarzt. Doch Horst Langsdorf aus Langgöns sitzt am späten Vormittag stattdessen in der Wartezone der Unfallchirurgie des Uniklinikums. Der 62-Jährige sieht blass aus und hält sich seinen rechten Arm. Das Ellenbogengelenk ist stark geschwollen, die Hand voller blutiger Schürfwunden. Der Rentner war beim Überqueren der Hauptstraße unglücklich gefallen. Die Fahrbahn sei von einem dünnen Eisfilm überzogen gewesen, der von frischem Schnee verdeckt wurde: Und schon sei es passiert, erzählt er. »Und ich dachte, ich lasse bei dem Wetter das Auto stehen und gehe zu Fuß - das ist sicherer«, versucht der 62-Jährige ein Lächeln.
So wie Horst Langsdorf erging es vielen. Die schnee- und eisglatten Fahrbahnen bergen Gefahren gerade für Fußgänger. »Häufig sind derzeit auch Kinder, die sich beim Schlittenfahren Unterarmfrakturen zugezogen haben«, berichtet eine Sprecherin des Universitätsklinikums.
Von einem rekordverdächtigen Winter spricht Prof. Karl-Heinz Muhrer, Ärztlicher Direktor des Evangelischen Krankenhauses. Natürlich gebe es immer wieder einmal Glatteis über einige Tage, aber: »Ich kann mich nicht erinnern, dass wir diese Häufung schon einmal über eine solch lange Zeit hatten.« - Wenn kompliziertere Brüche operiert werden müssen, reiche die ambulante Versorgung nicht aus. Folge sei in seinem Haus eine ständige Überbelegung der Unfallchirurgie-Stationen. Mancher müsse im Bett auf dem Flur liegen, vorbestellte Patienten könnten nicht immer sofort ein Zimmer beziehen, und das Personal arbeite oft über die eigentliche Dienstzeit hinaus. »Die meisten reagieren glücklicherweise verständnisvoll«, so Muhrer.
»Autounfall-Verletzte gibt es kaum - die Leute scheinen vorsichtig zu fahren«, sagt Dr. Hermann Lieser, Ärztlicher Direktor des St. Josefs-Krankenhauses. »Aber beim Aussteigen schlägt es sie dann hin.« Längst nicht nur Ältere kämen derzeit mit Knochenbrüchen. »Man merkt, dass das Streusalz zur Neige geht«, meint Lieser und warnt vor dem Radfahren bei diesem Wetter: »Man hat nur ein Leben.«
Ein 66-jähriger Gießener meint, dass einige Unfälle vermieden werden könnten, wenn die Leute ihrer Streupflicht nachkämen. »Ich war Sonntagmorgen auf dem Weg zu einem Bankautomaten in der Frankfurter Straße, als es mich auf einem vereisten Stück Gehweg, das nicht gestreut war, von den Beinen gezogen hat«, erzählt er. Von dort aus sei er dann sofort in die nahegelegene Unfallchirurgie gehumpelt. Tags zuvor hatte er die MRT (Magnetresonanztomographie), nun wird entschieden, ob sein rechtes Knie eingegipst oder doch operiert wird.