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Verein der ehemaligen Gießener Juden steht vor der Selbstauflösung

Artikel vom 21.01.2011 - 16.00 Uhr

Verein der ehemaligen Gießener Juden steht vor der Selbstauflösung

Gießen (mö). Eigentlich war es auch als Dankschreiben an diejenigen Menschen in Gießen gedacht, die sich seit Jahrzehnten für die Aufrechterhaltung der Kontakte zu den ehemaligen Gießener Juden einsetzen, die ihre Heimat nach 1933 verlassen mussten und damals nach Palästina auswanderten. Dort gründeten sie 1963 den »Verein ehemaliger Gießener und der Umgebung«.
Josef »Jossi« Stern im August 2008 mit Schwester und Ehefrau bei der Verleihung der Hedwig-Burgheim-Medaille.	(Foto: Archiv)
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Josef »Jossi« Stern im August 2008 mit Schwester und Ehefrau bei der Verleihung der Hedwig-Burgheim-Medaille. (Foto: Archiv)
Nun fürchtet der Verein um seinen Fortbestand. Der insgesamt 72. Rundbrief des Vereins, verschickt im vergangenen Dezember, geriet mithin zum Hilferuf. »Der Weiterbestand unseres Vereins wird fraglich«, schrieb der in Haifa lebende Vorsitzende Josef »Jossi« Stern und schloss mit der Bemerkung: »Vielleicht ist dieser Rundbrief der letzte.«

Dass der Verein Nachwuchsprobleme hat und der 89-jährige Stern keinen Nachfolger findet, scheint auf der Hand zu liegen. Viele Mitglieder sind mittlerweile verstorben und die, die noch leben, haben das 80. Lebensjahr längst hinter sich. Von den einst 206 nach Palästina ausgewanderten Juden aus Gießen und Umgebung sind laut Stern noch 18 Mitglieder übriggeblieben. Insofern wäre eine Selbstauflösung des Vereins ein natürlicher Vorgang. Aber es gibt da die Kinder und Enkel der emigrierten Gießener; laut Stern immerhin rund 40 Personen, zu denen er Kontakt hat. Und von diesen hätten immerhin 24 ein Interesse am »Herkunftsort« ihrer Eltern bzw. Großeltern, an Gießen also.

Ungeachtet der Frage, ob eine Vereinsstruktur fortbesteht, kommt an dieser Stelle die Stadt Gießen ins Spiel. Denn sie muss entscheiden, ob die Tradition der Begegnungswoche, die seit 1982 alle zwei Jahre in Gießen stattfindet, mit den Kindern und Enkeln fortgeführt wird. Einen entsprechenden Wunsch hatte Stern an den Magistrat im vergangenen August herangetragen, als sich eine Delegation aus Israel im Rahmen der 14. Begegnungswoche in Gießen aufhielt.

Eine Entscheidung darüber ist noch nicht gefallen, aber es gibt erste Überlegungen, die Begegnungen unter anderen Rahmenbedingungen und - gegenüber der bisherigen Praxis - kostenneutral weiterzuführen. Offenbar gibt es aber auch Stimmen in und außerhalb des Magistrats, die die Tradition nicht weiterführen wollen. In einem Schreiben der OB, das der AZ vorliegt, ist von »unterschiedlichen Meinungen in dieser Angelegenheit« die Rede.

Beantwortet werden muss früher oder später auch eine andere Frage. Denn der Verein mit Sitz in Haifa hat über die Jahre ein kleines Archiv über seine Mitglieder und seine Geschichte angelegt. Für die »Akte Gießen« gibt es laut Stern zwei Interessenten: Das »Zentralarchiv der Geschichte des Jüdischen Volkes« in Jerusalem und das Gießener Stadtarchiv. Stern fällt es nach eigenem Bekunden »schwer« zu entscheiden, wer die Sammlung erhalten soll. Er schrieb: »Die größte Wichtigkeit für uns selbst ist das Andenken an unsere vernichtete Gemeinde und an unsere Ermordeten.«

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Artikel vom 21.01.2011 - 16.00 Uhr
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