Gießen (si). Das Präsidium der Justus-Liebig-Universität will die Einnahmeverluste in Höhe von über vier Millionen Euro, die die Hochschule im kommenden Jahr infolge des Hochschulpakts verkraften muss, nicht mit Stellenstreichungen auffangen. Vorgesehen sind statt dessen Kürzungen bei Sachmitteln und bei kleineren Posten der Forschungs- und Nachwuchsförderung, vor allem jedoch beim Budget, mit dem die Vertretung vakanter Professuren bezahlt wird.
Im 1879 eingeweihten Hauptgebäude sitzt das Präsidium, hier tagt auch der Senat. (Foto: Schepp)
Allein hier sollen zwei Millionen Euro eingespart werden - und dann vollständig durch die Sondermittel zur Verbesserung der Lehre (QSL) ersetzt werden, die die Landesregierung den Hochschulen eigentlich zweckgebunden zur Verbesserung der Lehre zuweist. Im Senat, in dem die Pläne gestern erstmals vorgestellt und diskutiert wurden, gab es dafür durchaus Sympathie, allerdings auch Kritik. Völlig unklar ist bislang, welche Projekte gekürzt oder gestrichen werden würden, die allesamt direkt den Studierenden zugute kommen.
Der im Mai unterzeichnete Hochschulpakt bringt der Justus-Liebig-Universität 2011 Mindereinnahmen von exakt 4,35 Millionen Euro, rund zwei Prozent der Grundzuweisungen des Landes, die sich auf rund 222 Millionen Euro belaufen (»QSL«, Drittmittel und eigene Erlöse mitgerechnet, umfasst der Etat 307 Millionen Euro). Diese Zahlen, die ein klein wenig günstiger sind als die im Frühsommer veröffentlichten, nannten am Mittwoch JLU-Präsident Prof. Joybrato Mukherjee und der Kanzler und Haushaltsbeauftragte, Dr. Michael Breitbach.
Bei der letzten größeren Haushaltskrise 2004/05 hatte sich das Präsidium für »Strukturentscheidungen« stark gemacht - mehr als zwei Dutzend Professuren waren damals gestrichen worden. Solche Einschnitte sollten diesmal vermieden werden, wie die Hochschulleitung bekräftigte. Zum einen hat sich im Rückblick offenbar die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Fächerspektrum seinerzeit geschädigt wurde. Andererseits deutet jetzt einiges darauf hin, dass es sich bei den Einnahmeverlusten um ein befristetes Problem handeln könnte - um eine »Delle« und nicht um eine »schiefe Ebene nach unten«, so die hochschulinternen Begriffe für den optimistischen bzw. pessimistischen Verlauf der Krise. Nach den jüngsten Steuerschätzungen gibt es laut Breitbach guten Grund zu Annahme, dass die hessischen Hochschulen und damit die Justus-Liebig-Universität 2013/14 wieder mehr Geld erhalten werden, im Hochschulpakt war eine Kopplung an das Steueraufkommen festgeschrieben worden. Das JLU-Präsidium geht deshalb von einem auf 2011/2012 befristeten Krisenszenario aus. Dies zeigt der gestern vorgestellte Maßnahmekatalog.
Im Einzelnen würden danach 510 000 Euro bei einem Sachmittel-Sonderposten (indikatorgestützte Mittelverteilung) eingespart, weitere 200 000 Euro kämen aus den Förderfonds Forschung (mit dem etwa Verbundprojekte angestoßen werden) und zwei Förderfonds, von dem Nachwuchswissenschaftler profitieren. 660 000 Euro aus diesen Bereichen hat das Präsidium schon in 2010 für 2011 gespart, diese Summe verkürzt das Minus. Blieben zwei Millionen Euro an »Vakanz- und Vertretungsmitteln für freie Professuren«, die durch die Lehrsondermittel (QSL) ersetzt werden sollen.
Deren Gesamtvolumen beläuft sich jährlich auf 13,7 Millionen Euro. Über die Verwendung entscheiden zu 60 Prozent die Fachbereiche in Eigenregie, für die restlichen 40 Prozent ist eine zentrale Vergabekommission zuständig. Mit diesem Gremium hätten auch schon Gespräche stattgefunden, sagte Mukherjee, der vor den Senatoren und den ebenfalls anwesenden Dekanen um breite Zustimmung für die Präsidiumspläne warb.
Begeistert äußerte sich niemand, allenfalls war Wohlwollen zu erkennen; offenbar besteht bei vielen Senatoren noch zusätzlicher Informationsbedarf. Kritische Stimmen bemerkten, dass mit den QSL-Mitteln künftig neben der Lehre auch Forschung finanziert werde. Für das Präsidium ist das kein Problem; rechtlich sei die Verwendung der Mittel für vakante Professuren möglich, das sei geklärt worden, sagte Mukherjee. Andere bemängelten, dass die zentrale Verwaltung überhaupt nichts zu den Sparanstrengungen beitragen müsse (was das Präsidium zurückwies; nur eine gut ausgestattete Zentralverwaltung könne Leistungen erbringen, von denen letztlich auch die Fachbereiche profitierten, so das Gegenargument). Mit den Plänen des Präsidiums werde verschleiert, was die Landesregierung mit der Mittelkürzung angerichtet habe, kritisierten Studierende, die in der Vergabekommission die Hälfte der Mitglieder stellen.
Präsident Mukherjee appellierte an die QSL-Kommission, in den nächsten Monaten eine Entscheidung zu treffen. Zustimmen muss letztlich auch der Senat.
sagen: "Zum einen hat sich im Rückblick offenbar die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Fächerspektrum seinerzeit geschädigt wurde." - dass das so kommt war absehbar, denn Mitarbeiter und Studierende haben vor Durchsetzung der Alters-Streichliste mehrfach betont, dass die fachlich unbegründete Auswahl der gestrichenen Professuren zu Schäden am Fächerspektrum führen würde. Aber der damalige Präsident hat ja trotz Gesprächen z. B. mit der Fachschaft des FB 09 und einem vorgelegten Konzept, wie die geforderte Summe eingespart werden könnte ohne nachhaltige Schäden an Forschung und Lehre zu verursachen, offenbar nicht darauf gehört. Oder er musste sich dem Kanzler - Bewacher der Schatztruhe - beugen. Leider spielten offenbar auch persönliche Fehden zwischen Verwaltung und Professoren eine Rolle. Bleibt zu hoffen, dass die Hochschulleitung sich diesmal an ihre eigenen Aussagen ("Solche Einschnitte sollten diesmal vermieden werden") hält!
Bleibt zu hoffen, dass die Hochschulleitung sich diesmal an ihre eigenen Aussagen ("Solche Einschnitte sollten diesmal vermieden werden") hält!