Offenbachs »Hoffmanns Erzählungen« feierte am Samstag im Stadttheater umjubelte Premiere. Die »phantastische Oper« entführt in die Abgründe der menschlichen Existenz.
Hoffmann geht Giulietta (Henrietta Hugenholtz) an die Wäsche.
Und ewig lockt die Liebe. Und der Suff. Und das eigene Ego. Daran berauscht sich der Dichter Hoffmann, bis es ihn an den Abgrund der eigenen Existenz treibt. Was sich nach starkem Tobak anhört, ist die Essenz der »phantastischen Oper« in fünf Akten von Jacques Offenbach (1819 - 1880). In »Hoffmanns Erzählungen« nach E. T. A. Hoffmann kreist das Schicksal des Protagonisten dreimal um Des- illusionierung, Tod und Verdammnis. Im Stadttheater feierte die Oper am Samstagabend vor ausverkauftem Haus umjubelte Premiere. Der minutenlange Schlussapplaus spricht für sich.
Die gefühlvolle und verspielte Inszenierung von Gastregisseur Uwe Schwarz kommt mit einem Bühnenbild (Lukas Noll) aus, das für die einzelnen Akte jeweils neu dekoriert wird. Noll hat als Grundmotiv das Atelier des Dichters gewählt. Die Rückwand verschafft dem Raum mithilfe der diagonal dazu stehenden und mit vielen Fenstern versehenen rechten Seitenwand Tiefe, die Noll nutzt, auch wenn die Details - von der Polaroidkamera über den Sofa-Sarg bis zum iPod-Kopfhörer - wie ein Sammelsurium aus Versatzstücken wirken.
Das erste Bild steckt voller Trostlosigkeit: Erschöpft wie Hoffmann selber hängt die Tapete in Streifen herab, prangen projizierte Sponti-Spruch-Surrogate der Marke »Macht verbrannte dein Herz« in neonblauer Schrift auf den Wänden. Die karge Szenerie prägen ein doppelbettgroßes Podest, auf dem Hoffmann und seine Muse zu Beginn schlafen und auf dem später getanzt, gesungen und Klavier gespielt wird, sowie eine Waschstelle am rechten Bühnenrand und eine Schreibmaschine links mit einem dahinter stehenden Kühlschrank, der unter anderem als Alkoholdepot dient; einmal entsteigt dem Kühlgerät Dr. Mirakel, kurz darauf sitzt Antonias tote Mutter neonlichtumrankt darin und singt. Emphase soll via Videoeinspielung verstärkt werden - ein modischer, gern genutzter Firlefanz.
Im zweiten Akt kommt mit Olympia Leben in die Bude. Im dritten Aufzug, wenn Antonia stirbt, wird die Bühne fast nur vom Kerzenschein der Kronleuchter illuminiert. Der vierte, Giulietta gewidmete Akt gefällt durch seinen venezianischen Touch samt Gondelbug, der durch ein Fenster ragt. Im fünften Bild schließt sich der Kreis, ist der Ausgangsspielort wieder erreicht.
An Stimmungen mangelt es der Oper nicht. Auch nicht an der Vielfalt der Kostüme, die Dorit Lievenbrück entworfen hat. Das Spektrum reicht vom alten Polyester-Anzugsschick für den Männerchor bis zum verruchten Venedig-Ambiente, in dem die Damen glänzen dürfen.
Generalmusikdirektor Carlos Spierer hatte die Qual der Wahl. Aus 1200 Seiten Notenmaterial galt es, das richtige Pensum auszuwählen. Weil Offenbach kurz vor der Fertigstellung der Oper verstarb, kursieren im Kompositionskosmos mannigfaltige Optionen für das Werk. Beispiel: Offenbach plante für die Uraufführung in Paris (10. Februar 1881) eine Dialogfassung, Rezitative sah er für eine spätere Aufführung in Wien vor, doch bis zu seinem Tod konnte er nur ein Drittel davon fertigstellen, die Übrigen stammen von Ernest Guiraud. Spierer verwendet für die Arien und Lieder nur den Original-Offenbach. Indes wird nicht die Dialogfassung, sondern jene mit Rezitativen gespielt.