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Tom Koenigs berichtete über Afghanistan

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Artikel vom 05.05.2012 - 17.48 Uhr

Tom Koenigs berichtete über Afghanistan

Gießen (srs). Als höchster Vertreter der Vereinten Nationen arbeitete Tom Koenigs knapp zwei Jahre lang in Afghanistan. Erzählt er aus dieser Zeit wie am Donnerstag in Gießen, schimmert in jeder Geschichte die ungewisse Lage des Landes zwischen Hoffnung und Scheitern.

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Tom Koenigs (Foto: srs)
Einmal, im November 2006, suchte ihn eine Mitarbeiterin aus Kabul auf – 22 Jahre jung, »extrovertiert«, »eine Spitzenfotografin«. Unter Tränen schilderte sie, sie solle zwangsverheiratet werden. »Bis heute hat sie das Furchtbare hinauszögern können«, berichtet Koenigs. »Aber das Problem hat sie noch nicht gelöst. Irgendwie symbolisch für Afghanistan.«

Koenigs las vor 60 Besuchern in der Buchhandlung »Thalia« aus seinem Buch »Machen wir Frieden oder haben wir Krieg?« Darin hat der Bundestagsabgeordnete seine Aufzeichnungen zwischen Februar 2006 und Dezember 2007 als UN-Gesandter in Afghanistan festgehalten.

Der Grünen-Politiker erzählt beispielsweise von seiner Begegnung mit einem Mann, der kurz zuvor aus Guantánamo – offenbar unschuldig – entlassen worden war. In dessen vierzig Monate währenden Haft hätten die Taliban »nicht mit ihm geredet, weil er für Präsident Karzai war. Die Araber nicht, weil er Schiit ist. Und das erste Jahr war er sowieso in Einzelhaft.« Wie er das alles ausgehalten habe, fragte ihn der UN-Botschafter. Seine Antwort: »Die Familie, die Religion, die Moral.« Koenigs hält in seinem Aufzeichnungen fest: »Dass der Mann nun immer noch an die Demokratie glaubt und ein liberaler, gemäßigter Mann ist, das kann ich kaum fassen. Ich wäre zu den Taliban gegangen.«

Im Gespräch mit den Zuhörern der Lesung berichtete Koenigs, von Deutschland wünschten sich die Afghanen vor allem Hilfe im Bereich der Bildung. Gefragt seien wesentlich mehr Initiative und ein »richtiger Austausch« von Seiten der Universitäten sowie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Deutschland sei »kein guter Mitgliedsstaat« der Vereinten Nationen, hob der Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte im Bundestag hervor. »Wir konzentrieren uns zu sehr darauf, die UN zu kritisieren.« Stattdessen müsse man »die noble Organisation« stärken. »Blicken wir doch nach Syrien. Ein Graus. Wahrscheinlich ist der Konflikt in 20 Jahren nicht zu Ende.« Der einzige Lichtblick dort sei die UN-Mission unter Leitung von Kofi Annan.

Die zwei Jahre in Afghanistan seien derweil »eine unglaublich intensive Zeit« gewesen – »mit Ausnahme der Freitage.« Am muslimischen Gebetstag »war kein Termin möglich. Überhaupt nichts.« Für seine Gedanken habe sich dies allerdings als »heilsam« erwiesen. So habe er begonnen, Briefe an Freunde und Bekannte zu schreiben. Ergebnis dieser Aufzeichnungen sei nun das vorliegende Buch. Darin erläutert der Grünen-Politiker auch sein Plädoyer für legale Drogen. Afghanistan sei für 90 Prozent des Opiumanbaus verantwortlich, schreibt er, »Taliban leben von dem Drogengeld.« Man müsse »diese Drogen legalisieren, um bei den Konsumenten ansetzen zu können, sie zu behandeln, aus der Kriminalität rauszubringen. Der ganze Rest bricht dann von selbst zusammen.«

Der Erlös der Eintrittsgelder für die Lesung geht an das UNICEF Kinderhilfswerk. Koenigs wird noch einmal am 14. Mai um 18.15 Uhr im Großen Hörsaal des Zeughauses aus seinem Buch lesen.

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Artikel vom 05.05.2012 - 17.48 Uhr
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