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Stadtbibliothek: »Tumultartige Szenen im Kampf um Bücher«

Artikel vom 22.08.2012 - 09.58 Uhr

Stadtbibliothek: »Tumultartige Szenen im Kampf um Bücher«

Gießen (kw). Es ist Punkt zehn Uhr im ersten Stock des Rathauses. Eine Mitarbeiterin schließt die Tür der Stadtbibliothek auf und lässt ein halbes Dutzend Besucher ein. Drei Männer eilen zum Regal gleich links neben dem Eingang und beginnen Bücher herauszunehmen und aufzustapeln. Jeder packt zehn, fünfzehn davon in Taschen.

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Morgens kurz nach zehn Uhr in der Stadtbibliothek: Einige Nutzer packen Dutzende von Büchern aus dem Verschenkregal ein. Dabei gab es in letzter Zeit gelegentlich Streit, zur Zeit geht es wieder friedlich zu. (Foto: Schepp)
Bei diesem allmorgendlichen Ritual sind in den vergangenen Wochen gelegentlich Ellenbogen eingesetzt worden, es gab lautstarke Auseinandersetzungen. Die schriftliche Mahnung zu mehr Ruhe rund ums Flohmarktregal hat gefruchtet. Dass es auf Dauer friedlich bleibt, hoffen viele Nutzer, die sich hier – in der Regel in bescheidenerem Umfang – mit Lesestoff versorgen und nicht mehr benötigte Lektüre anderen zur Verfügung stellen.

»Wir finden es schön, wenn Bücher nicht weggeworfen werden«, erklärt Bibliotheksleiter Guido Krell. »Das Angebot wird rege genutzt.« Manchmal allerdings allzu eifrig.

Dass Bürger gebrauchte Bücher abgeben und mitnehmen können, hat Tradition in der Stadtbibliothek. Im alten Domizil in der Kongresshalle gab es einen Verschenktisch, im neuen Rathaus wurde ein Regal fest installiert. Und darin steht seit Neuestem ein Schild: »In den letzten Wochen kam es vermehrt zu tumultartigen Szenen im ›Kampf» um die besten Bücher, was wir sehr bedauern. Sollte sich dies in den kommenden Wochen nicht ändern, sehen wir uns leider gezwungen, das Flohmarktregal zu schließen und keine weiteren Spenden anzunehmen.«

»Etwas ruppig« ging es in letzter Zeit manchmal unter den ersten Besuchern des Tages zu – das bestätigen die drei Männer, von denen keiner zu den Streithähnen gehört haben will. »Manche verkaufen ihre ›Beute» auf dem Flohmarkt«, vermutet ein 45-Jähriger; die »Gier nach Geld« lasse sie wohl ihre Manieren vergessen. Ein bärtiger Mann lächelt verlegen auf die Frage: Liest er denn alles, was er hier mitnimmt? »Ich sehe mir die Bücher zu Hause in Ruhe durch. Und ich kenne viele Leute, die auch gucken, ob sie etwas interessiert.«

500 bis 1000 Bücher bekommt die Stadtbibliothek pro Monat geschenkt, schätzt Krell. »Manche Leute kommen mit ganzen Umzugskisten.« Nur die wenigsten dieser Spenden sind für den regulären Verleih brauchbar. Dass auch der Rest Abnehmer findet, freue ihn und seine Mitarbeiter grundsätzlich. Allerdings könne das Flohmarktregal nur funktionieren, so lange es das Personal nicht allzu stark beschäftigt. Streits schlichten, den Besucherstrom etwa mit Wartenummern kanalisieren, Hausverbote aussprechen und kontrollieren: All das sei nicht drin.

Ohnehin sei es viel Arbeit, die Spenden zu sichten – die meisten werden am Schalter abgegeben –, für etwas Ordnung zu sorgen und regelmäßig zu überprüfen, was im Regal gelandet ist. »Es fiele ja am Ende auf die Einrichtung zurück«, wenn man dort beispielsweise als jugendgefährdend geltende Schriften, rechtsradikale Pamphlete oder fragwürdige religiöse Traktate fände. Die Mitarbeiter sorgten auch dafür, dass nicht etwa alle Bücher am Morgen im Regal stehen, sondern dass es im Laufe des Tages immer wieder Nachschub gibt.

Der Bibliotheksleiter hofft, dass das Warnschild weiter Wirkung zeigt. »Wir wollen das Regal nicht abschaffen.« Schließlich wird der kostenlose Büchertausch immer populärer. Verschiedene Methoden setzen sich auch in Gießen durch: »Bookcrossing« etwa, bei dem man Lektüre per Internet aufspüren und zum Beispiel auf einer Parkbank finden kann. Im Gespräch sei auch ein öffentlicher Bücherschrank, wie es ihn in größeren Städten gibt, weiß Krell. Wetterfest und rund um die Uhr zugänglich, könnte er in der Fußgängerzone stehen. Aber auch für solche Angebote gilt seiner Erfahrung nach: »Ganz ohne Betreuung geht es nicht.«

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Artikel vom 22.08.2012 - 09.58 Uhr
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Leserkommentare
(22.08.2012 11:34)
Billgotkilled
Anzahl limitieren
Warum limitiert man nicht einfach die Anzahl der Bücher, die eine Person mitnehmen darf?
Es kann doch nicht Sinn der Sache sein, dass andere etwas der Allgemeinheit spenden und dann drei übereifrige Schnorrer sich die Tüten vollpacken.
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