Gießen (si). Stadt und Justus-Liebig-Universität wollen bei der baulichen Entwicklung der Hochschule eng zusammenarbeiten. Das gilt vor allem im Hinblick auf das Hochschulbausonderprogramm »Heureka«, bei dem die Gießener Universität innerhalb des kommenden Jahrzehnts mit rund 440 Millionen Euro rechnen kann.
Nach den Planungen könnte die Universität am Alten Steinbacher Weg - zwischen Philosophikum I und II - eine neue Mensa erhalten, auch Erweiterungsbauten für die UB sind vorgesehen. Der gesamte Bereich würde zum »Campus Kultur- und Sozialwissenschaften« aufgewertet. (Foto: Geck)
Insbesondere in den Bereichen Verkehr und Wohnen und auch im Hinblick auf die Landesgartenschau, die 2014 in Gießen stattfindet, sollen die Planungen aufeinander abgestimmt und auch nach außen gemeinsam vertreten werden. Für diese drei Schwerpunkte seien jetzt die ersten Arbeitsgruppen gebildet worden, sagten gestern Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann, Stadtplanungsdezernent Thomas Rausch und JLU-Präsident Prof. Stefan Hormuth bei einem Pressegespräch.
Die Überlegungen knüpfen am Entwicklungskonzept an, das in der Universität schon seit gut zehn Monaten bekannt ist (die Allgemeine Zeitung berichtete mehrfach) und das Vertreter der Hochschule mit Hormuth an den Spitze am vergangenen Montag im Magistrat vorstellten. Es fußt auf Planspielen, die Experten im Auftrag des »Consilium Campusentwicklung Gießen« entwickelt hatten; hier arbeitet die Universität mit weiteren Landesbehörden und privaten Einrichtungen wie Architekturbüros zusammen. Das Fachgremium hatte die relativ starke Zersplitterung der Gießener Hochschule als eine Schwäche herausgestellt und ihr eine Konzentration an drei Standorten empfohlen: einem Campus Lebenswissenschaften im Bereich Heinrich-Buff-Ring, einem Campus Kultur- und Sozialwissenschaften im Areal zwischen Licher Straße und Philosophika sowie einem »Universitätszentrum« im Bereich Hauptgebäude für die Verwaltung mit den servicenahen Einrichtungen. Gleichzeitig hatten die Fachleute der Universität ein großes Entwicklungspotenzial bescheinigt: mit vielen freien Flächen, die bebaut werden können, und guten Verkehrsanbindungen, wobei innerhalb der Stadt noch viele Verbesserungen möglich seien.
Im Universitätspräsidium und auch im Hochschulsenat hatten diese Überlegungen schon im letzten Frühjahr grundsätzlich viel Zustimmung erfahren. Auf Seiten der Stadt scheint das ähnlich zu sein. »Die Stadt wird ein Stück neu gebaut werden«, sagte gestern ein offensichtlich begeisterter Oberbürgermeister.
Welche Projekte nun tatsächlich verwirklicht werden und in welchem Zeitraum, ist heute noch genauso offen wie vor einem Jahr - was sicherlich viel mit der einjährigen »Hängepartie« in der Landespolitik zu tun, durch die die Zukunft von Heureka unklar war. Hormuth bekräftige gestern allerdings, dass die Hochschule die Zeit genutzt und konzeptionell weitergearbeitet habe. »Wir sind handlungsbereit«. Nach Einschätzung des Universitätspräsidenten könnten die ersten Maßnahmen sogar noch schneller umgesetzt werden als zunächst gedacht: Hauptgrund ist die Überlegung der neuen Landesregierung, aus dem bis 2020 laufenden Heureka-Programm - es hat hessenweit ein Gesamtvolumen von drei Milliarden Euro - eine Tranche von rund 500 Millionen Euro vorzeitig freizugeben. Konkrete Zahlen für die einzelnen Hochschulen liegen zwar noch nicht vor. Hochgerechnet könnten der Universität Gießen fast 100 Millionen Euro früher als erwartet zur Verfügung stehen. Die gleiche Summe käme eventuell aus einem Sonderprogramm des Bundes dazu, mit der - zur Konjunkturbelebung - insbesondere Energiespaßmaßnahmen finanziert werden sollen. »Vielleicht schon bis zum Jahre 2011« könnten dadurch weitere größere Baumaßnahmen begonnen und abgeschlossen werden, meinte Haumann gestern. Rausch versicherte, dass sich die Stadt darauf einstellen werde.
Damit sind vor allem die planungsrechtlichen Voraussetzungen gemeint, die die Kommune schaffen muss. Die Ämter arbeiteten schon jetzt »mit Hochdruck«. Der Bebauungsplan für die Neuordnung der Naturwissenschaften im Südviertel - mit der neuen Chemie - sei bereits auf den Weg gebracht; mit der Veterinärklinik werde sich das Stadtparlament am morgigen Donnerstag befassen, sagte Rausch.
Schön, dass Uni und Stadt nun in die richtige Richtung gehen bei der Stadt- und Campusentwicklung. Dass der Radverkehr ein wesentlicher Beitrag für die Lösung der Verkehrsprobleme von Uni und Stadt ist, scheint die Uni schon verstanden zu haben, während Stadtrat Rausch immer wieder zeigt, dass er Radfahrer immer noch als Randphänomen sieht. Von daher ist es richtig, dass die Hochschulleitung der Stadt ihre Defizite in diesem Bereich aufzeigt. Allerdings muss auch festgehalten werden, dass die Uni außer schöner Worte bisher selber noch nichts für eine Radverkehrsförderung getan hat: An den Philosophika I und II fehlen Radabstellanlagen, an denen ein Rad sicher angeschlossen werden kann. An nahezu keinem Uni-Standort gibt es Überdachungen für Fahrräder. Der Campus der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften kann mit dem Rad nur erreicht werden, wenn man die Einbahnstraßenregelungen ignoriert. Die fehlende Absenkung von Bordsteinen verärgert nicht nur Radfahrer, sondern auch Gehbehinderte - welche noch dazu die Rampen auf dem Philosophikum II nicht nutzen, weil die Radfahrer diese mangels alternativen Anschlussmöglichkeiten zuparken. Von daher würde der Volksmund der Uni sagen: "Kehre erst mal vor Deinen eigenen Haustür." In Anbetracht der Gießener Verkehrssituation kann man jedoch nur einen anderen Rat erteilen: Schnellstmöglich die Ärmel hochkrempeln und aktiv werden. Das gilt dann für die Stadt und die Hochschulen.
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An den Philosophika I und II fehlen Radabstellanlagen, an denen ein Rad sicher angeschlossen werden kann. An nahezu keinem Uni-Standort gibt es Überdachungen für Fahrräder. Der Campus der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften kann mit dem Rad nur erreicht werden, wenn man die Einbahnstraßenregelungen ignoriert. Die fehlende Absenkung von Bordsteinen verärgert nicht nur Radfahrer, sondern auch Gehbehinderte - welche noch dazu die Rampen auf dem Philosophikum II nicht nutzen, weil die Radfahrer diese mangels alternativen Anschlussmöglichkeiten zuparken. Von daher würde der Volksmund der Uni sagen: "Kehre erst mal vor Deinen eigenen Haustür." In Anbetracht der Gießener Verkehrssituation kann man jedoch nur einen anderen Rat erteilen: Schnellstmöglich die Ärmel hochkrempeln und aktiv werden. Das gilt dann für die Stadt und die Hochschulen.