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»Sie waren unsere Nachbarn«

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Artikel vom 27.08.2013 - 15.13 Uhr

»Sie waren unsere Nachbarn«

Gießen (mö). »An einem heißen Sommertag im Juni 1943 mussten wir nach Idstein. Meine Schwester war die erste Leiche, die ich in meinem Leben gesehen habe. Da lag sie, mit ihren blauen, starren und gebrochenen Augen. Das war ein traumatisches Erlebnis für mich.« Diese Worte von Helmut Balser waren gestern Vormittag der bewegende Höhepunkt beim Auftakt der fünften Verlegung von Stolpersteinen in Gießen. In der Friedensstraße gedachten rund 50 Menschen den Euthanasieopfern Ursula Balser und Lotte Herrnbrodt.

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Auftakt zur fünften Stolperstein-Verlegung in Gießen. Gunter Demnig bringt in der Friedensstraße den Stein für Ursula Balser ein. (Fotos: Schepp)
Im Laufe des Tages verlegte der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig weitere 29 Steine in der Roonstraße, in der Moltkestraße, in der Katharinengasse, der Bahnhofstraße, an der Goetheschule in der Westanlage und am historischen Portal der Ricarda-Huch-Schule in der Nordanlage. An diesen Stellen wurde mit der Verlegung von Stolpersteinen meistens der jüdischen Bürger gedacht, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet worden waren. So wurde an der Ecke Moltkestraße/Roonstraße der im Holocaust umgekommenen Familie des Nationalökonomen Prof. Paul Mombert gedacht. In der Katharinengasse wird fortan aber auch ein Stolperstein an den Kommunisten Johannes Rosenbaum erinnern.

Zur Verlegung in die Friedensstraße, die vor dem Krieg den östlichen Stadtrand Gießens bildete, waren neben dem Bruder von Ursula Balser auch der Neffe Rüdiger Bender und die Nichte Eva Bender-Gilchrist gekommen. Rüdiger Bender, der in Thüringen lebt und in der evangelischen Kirche engagiert ist, erinnerte in einer kurzen Rede daran, dass bereits seit 1920 und damit lange vor der Nazizeit versucht worden sei, die Gesellschaft auf die Tötung von Behinderten vorzubereiten. Im Dritten Reich sei sie dann »rechtssicher« für die Täter gemacht und massenhaft vollzogen worden. Dazu habe es seitens der evangelischen Kirche nur »ein dröhnendes Schweigen« gegeben, während es in der katholischen Kirche, personifiziert durch Clemens August Kardinal Graf von Galen, Widerstand gegeben habe.

Ursula Balser, die unter den Folgen einer Hirnhautentzündung litt, war im Alter von sechs Jahren 1939 aus ihrem Elternhaus in die nahe Heil- und Pflegeanstalt in der Licher Straße verlegt und im Mai 1943 in der Anstalt Idstein ermordet worden.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz erinnerte daran, dass aus der Einrichtung in der Licher Straße 265 Menschen allein nach Hadamar gebracht und ermordet worden waren. »Wir werden nicht vergessen. Dafür stehen die Stolpersteine in Gießen«, sagte sie. Zu den sogenannten »T4«-Opfern der Nazi-Euthanasie gehörte auch die 1896 geborene Margarete Hofmann, die in Hadamar ums Leben kam und an die fortan ein Stein in der Gutenbergstraße erinnert.

Die kleine Gedenkfeier in der Friedensstraße wurde gestaltet von den ev. Pfarrern Bettina Friehmelt (Lukasgemeinde) und Klaus Friedemann Bötz (Luthergemeinde). Pfarrerin Friehmel sagte: »Sie waren unsere Nachbarn.« Für die Recherche und Vorbereitung auch der fünften Verlegung von Stolpersteinen zeichnete das Koordinierungsteam um Christel Buseck, Monika Graulich und Ursula Schroeter verantwortlich. Seit 2008 sind damit von Gunter Demnig rund 130 Stolpersteine in Gießen verlegt worden.

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Artikel vom 27.08.2013 - 15.13 Uhr
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