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Prof. Klaus Dörner plädiert für "Integrationsgesellschaft"

Artikel vom 28.10.2009 - 22.02 Uhr

Prof. Klaus Dörner plädiert für "Integrationsgesellschaft"

Gießen (olz). Menschen mit und ohne Behinderung wohnen, arbeiten und bilden sich gemeinsam am selben Ort, ohne dass die Behinderung dabei eine Rolle spielt – um dieses Ziel der Integrationsgesellschaft zu erreichen, braucht es vor allem zweierlei: politischen Willen und bürgerliches Engagement.
Für eine »Integrationsgesellschaft« plädierte Klaus Dörner in der Uni-Aula.  	(Foto: olz)
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Für eine »Integrationsgesellschaft« plädierte Klaus Dörner in der Uni-Aula. (Foto: olz)
So lautete das Fazit des Vortrags »In welcher Gesellschaft wollen wir leben?«, den Psychiater Prof. Klaus Dörner auf Einladung der Lebenshilfe-Kreisvereinigung Gießen am Dienstagabend in der Universitätsaula hielt. »Nur Bürger können Bürger integrieren«, sagte Dörner vor mehr als 100 Zuhörern und erteilte damit der bis 1980 weit verbreiteten und noch immer anzutreffenden Vorstellung, dass stationäre der ambulanten Betreuung vorzuziehen sei, eine klare Absage.

Entstanden sei die Bevorzugung der stationären Unterbringung vor rund 100 Jahren im Zuge der Industrialisierung, erklärte Dörner. Seinerzeit hätten Verantwortliche beschlossen, eine »Trennungsgesellschaft« nach Leistungskriterien und zugleich ein flächendeckendes Netz sozialer Institutionen zu schaffen, um so die Produktivität zu erhöhen, die »keinen Sand im Getriebe« haben sollte. Im Glauben, man könne hilfsbedürftigen Menschen im spezialisierten Milieu dieser Einrichtungen darüber hinaus ein besseres Leben bieten, habe man sie aus ihren Familien genommen.

Der »Traum von der leidensfreien Gesellschaft« zeichne sich jedoch durch erhebliche Nebenwirkungen aus, so der Psychiater. Durch die Trennung von Familien und Nachbarschaften sei es – mangels Gelegenheit – zu einer Entsozialisierung der Gesellschaft gekommen. Diese habe gerade im Krieg einen Beitrag dazu geleistet, die Hemmschwelle gegenüber Menschen mit Behinderung abzusenken. Schon im Ersten Weltkrieg hätten alle Krieg führenden Länder »so lange an der Kalorienschraube gedreht, bis die staatlich gewünschte Sterblichkeitsrate erreicht war«, sagte Dörner. Allein in Deutschland seien 70 000 hilfsbedürftige Menschen diesen Maßnahmen, die Experten als »stille Euthanasie« bezeichneten, zum Opfer gefallen. Schon deshalb berge die Entstehung der institutionalisierten Gesellschaft mit ihren Profis erhebliche Gefahren.

Er selbst habe die Ausflüsse dieser Mentalität, dass stationäre der ambulanten Betreuung vorzuziehen sei, noch in den fünfziger Jahren erlebt, erinnerte sich der Wissenschaftler. Dass es sich dabei nicht nur um Geschichte, sondern um lang anhaltende Traditionen handelt, verdeutlichte er am Beispiel der Psychiatrie-Reform der vergangenen 30 Jahre. Zwar seien dabei zahlreiche gemeindeintegrierte Institutionen wie Kontaktstellen entstanden, doch hätten sich die Fachleute insgesamt dafür entschieden, bei der Umsetzung der Reform eher gesündere psychisch Kranke zu berücksichtigen. Austherapierte chronisch Erkrankte seien dagegen aus den Krankenhäusern in abgelegene Heime gebracht worden. Die Zahl der Heimplätze für psychisch Kranke habe sich in den letzten Jahren ständig erhöht. Ziel sei dabei, die übrige Gesellschaft störungsfrei zu halten, sagte Dörner, der den Idealen von stationärer Unterbringung neue Vorstellungen wie Wohngruppenkonzepte aus Jugend- und Altenhilfe entgegenstellte.

Erfolge habe man in den letzten Jahren darüber hinaus beispielsweise mit so genannten regionalen Sozialraumbudgets erzielt. Dabei erhielten Träger von Hilfsangeboten unter anderem von Städten oder Gemeinden die finanziellen Mittel, um Betreuungsarbeit leisten zu können. Nur die Ziele, nicht aber die Methoden würden mit den Geldgebern vereinbart. Im Zuge dieser freien Arbeit, bei der Profis und Bürger nebeneinander aktiv würden, sei ein deutlicher Rückgang der stationären Unterbringung zu beobachten. Gerade im Bereich Altenhilfe sei die systematische Arbeit der Bürger, deren Bereitschaft zu helfen seit 1980 stetig wachse, angesichts der großen Zahl der Bedürftigen notwendig, unterstrich der Psychiater.

Auch die UN-Behindertenrechtskonvention und dadurch mögliche rechtliche Schritte trügen zur »Integrationsgesellschaft« bei, schloss Dörner. Die Verwirklichung der gleiche allerdings häufig einem politischen Machtpoker.

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Artikel vom 28.10.2009 - 22.02 Uhr
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Leserkommentare
(06.03.2010 19:44)
robi
dörner und der staat spart?
ich frage mich ob die abschaffeung der kliniken oder der heime oder gar der lebenshilfe auf kosten der behinderte geht?
denn es gibt das massenproduktionsgesetz das sagt bei grosse mengen wird es günstiger!
z.b. wenn ein geistigbehinderter in einer grosseirichtung lebt gibt es viele freizeitangebot die er sich leisten kann. wenn der dezentral an einem ort wohnt fällt fahrkosten an wer bezahlt diese?
auch in grosse einrichtungen sind inergration möglich wenn man sich bemüht. auch die abschaffeung der psychatrie geht auf kosten der kranke, denn von inklusion oder fachlich sehr gute behandlung und betreuung ist nicht viel zu sehen! oder herr dörner?
es gilt halt immer was sind die ziele sparen? besser wäre alle möglichkeiten offen lassen und sich bemühen wo ein wille ist ein weg zu suchen.
für mich ist die führsorge von geistig behinderte menschen die dies nötig haben das aller wichtigste.
z.b. werden bei G-behinderte statt einer Zahnwurzelbehandlung öfters die zähne gezogen als bei sog. gesunde menschen???
wo fängt das recht auf gelsundes leben an und wo ist die grenze? und vorallem wer soll das bezahlen? denn in der marktwirschaft wird der ausgekrenzt der sich ein produkt oder eine dienstleistung sich nicht leisten kann. (nicht jeder kann sich ein porsche leisten der wird dann bei diesem markt ausgekrenzt) also wo sind die grezne und was möchte man?
wenn man das weis kann man von inklusion reden denn das kostet was.
mfg
robi
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