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»Privatisierung des Klinikums ist gescheitert«

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Artikel vom 22.07.2013 - 06.00 Uhr

»Privatisierung des Klinikums ist gescheitert«

Gießen (lhe/jri). Die Privatisierung des Universitätsklinikums Gießen + Marburg ist an beiden Universitätsstandorten gescheitert: Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt nun auch die Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin in Bonn.

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© jri
Und deren Wort hat Gewicht, denn in diesem Gremium sind acht Institutionen vereint, die für die deutsche Medizin maßgebend sind – darunter die Bundesärztekammer, der Deutsche Hochschulverband, der Marburger Bund, die Deutsche Gesellschaft für Medizinrecht und die Bundesvertretung der Medizinstudierenden. Universitätsmedizin sollte »grundsätzlich als Teil der staatlichen Daseinsfürsorge öffentlich-rechtlich organisiert sein«, heißt es in der klar formulierten Bewertung der Arbeitsgemeinschaft, veröffentlicht in der vergangenen Woche.

Die Erfahrungen am Universitätsklinikum Gießen + Marburg (UKGM) – mit 9700 Mitarbeitern der mit Abstand größte Arbeitgeber in Mittelhessen – hätten gezeigt, dass die seit der Privatisierung im Jahr 2006 geforderten Renditeerwartungen mit den Aufgabenfeldern eines Universitätsklinikums nicht in Einklang zu bringen seien.

Ein Universitätsklinikum bestehe nicht nur aus der Behandlung schwersterkrankter Patienten, sondern habe dienende Aufgaben in Forschung und Lehre. Die Unterstützung der Medizinischen Fakultäten bei der Ausbildung von Studierenden sei ebenso Aufgabe der Universitätsklinika wie die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte. Diese Aufgaben stünden in einem Spannungsverhältnis zur Erwirtschaftung einer möglichst hohen Rendite. Es sei bezeichnend, dass die Geschäftsführung des Betreiber-Konzerns Rhön Klinikum AG selbst vom UKGM als einem »Mühlstein« am Hals des Gesamtkonzerns spreche.

Zudem kritisierte die Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin, dass auch der Betrieb der Partikeltherapieanlage zur Behandlung von Krebspatienten am UKGM gescheitert sei. Diese Partikeltherapieanlage sei bei der Privatisierung des Uniklinikums Gießen/Marburg ein wesentlicher Grund für die Erteilung des Landeszuschlags an den Rhön-Konzern gewesen, der sich zum Betrieb einer solchen Anlage verpflichtet hatte, die jedoch bis heute nicht in Betrieb genommen worden sei. Deshalb muss Rhön in diesem Jahr bis zu vier Millionen Euro Konventionalstrafe zahlen (die GAZ berichtete).

Die Rhön-Klinikum AG warf den Verfassern der Mitteilung »Polarisierung« vor. »Die Darstellung der Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin ist weder sachgerecht, noch stimmt sie mit den objektiven Ergebnissen aus den Bereichen der Forschung, Lehre und Krankenversorgung überein«, hieß es in einem offenen Brief aus Bad Neustadt an der Saale, wo sich der Hauptsitz der Rhön AG befindet. Das Klinikum befinde sich »auf einem stabilen Weg der Konsolidierung«, Personal- und Patientenzahlen stiegen. Dies sei ein Indiz für die »Akzeptanz und Zufriedenheit der Patienten mit der am UKGM angebotenen Spitzenmedizin und Pflege«. Rhön-AG Vorstandsvorsitzender Dr. Martin Siebert hat dem Vernehmern nach die Vertreter der Arbeitsgemeinschaft zu einem Besuch nach Gießen und Marburg eingeladen.

Die Grünen-Fraktion im Wiesbadener Landtag forderte die Landesregierung auf, den Bürgern in Sachen Privatisierung des Universitätsklinikums Gießen/Marburg endlich reinen Wein einzuschenken. »Seit Monaten verweigert Schwarz-Gelb klare Auskunft darüber, wie es mit der Partikeltherapie weitergeht, obwohl versprochen war, diese Methode am Universitätsklinikum einzuführen«, kritisierte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Sigrid Erfurth, am Sonntag. Ihre Partei sieht in der Entwicklung der Privatisierung des Universitätsklinikums einen weiteren »einstürzenden Leuchtturm« von Schwarz-Gelb.

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Artikel vom 22.07.2013 - 06.00 Uhr
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Leserkommentare
(22.07.2013 16:55)
thanksforthetripdad
@Selbstbeweihräucherung
Nicht persönlich gemeint: Man holt sich natürlich lieber solche Fälle ins Haus, wo der Mehraufwand kalkulierbar bleibt, die sich rechnen.
(22.07.2013 13:38)
rlingner
Selbstbeweihräucherung ...
Ich weiß nicht vom wem der Passus "...drittgrößtes Krankenhaus in Deutschland" stammt, aber wenn es noch nicht einmal möglich ist einem stark übergewichtigen Patienten wie mir ein entsprechendes Krankenhausbett zur Verfügung zu stellen und ich erst auf "ärztliche Verordnung" ein zu mindestens meiner Körpergröße entsprechendes Bett bekomme, stellt das doch ein ziemliches Armutszeugnis für ein so großes Krankenhaus dar.
MfG Rainer A. Lingner
(22.07.2013 11:07)
Prinzessin Lilifee
Teufelskreis
Leider hat sich mittlerweile ein Teufelskreis entwickelt, der nur noch schwer zu durchbrechen ist. Die vielen Negativberichte über das UKGM haben sich natürlich auch in der gesamten deutschen Hochschulmedizin herumgesprochen. Unter Aspiranten auf einen Lehrstuhl gilt das privatisierte UKGM als eine der unattraktivsten Alternativen. Die Folge: Wer Aussicht auf eine Chefstelle an einer besseren Uniklinik hat, der wird normalerweise keinen Ruf an das UKGM annehmen. Exemplarisch dafür war die Situation in der Gießener Kardiologie, wo 4 berufene Kardiologen dem UKGM absagten und statt dessen attraktivere Lehrstühle vorzogen. In der Not behalf sich die Gießener Fakultät mit der Berufung des Kerckhoff-Chefkardiologen, der aufgrund seines fortgeschrittenen Alters an keiner anderen deutschen Uniklinik noch einen solchen Lehrstuhl erhalten hätte. In Gießen geht so etwas erstannlicherweise problemlos. Für den traditionsreichen Lehrstuhl für Endokrinologie bewarb sich von vornherein nur die dritte Garnitur. Es ist bezeichnend, wenn die besten ihres Fachs Oberarztstellen in Tübingen, Leipzig oder Dresden einer Chefarztstelle in Gießen vorziehen. So wird es vermutlich weitergehen. Dem brutalen Profitstreben in der Krankenversorgung folgt der schleichende Verlust medizinischer und wissenschaftlicher Qualität. Am Ende sind die Kliniken des UKGM Sammelbecken für die anderweitig schwer Vermittelbaren in der deutschen Hochschulmedizin. Aber gottlob haben wir ja noch Frankfurt in der Nähe...
(22.07.2013 09:42)
meinereiner
Patient als Ware
Die Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin in Bonn ist nicht alleine. Viele Betroffene berichten ebenfalls seit langem, dass die Privatisierung kein Erfolg war. Selbst niedergelassene Hausärzte beklagen sich über die Behandlung ihrer Patienten am privatisierten Klinikum. (Bekommen aber Drohungen vom Rhön Klinikum in Form von Unterlassungserklärungen)
Bei Mitarbeitern, Ärzten und Pflegepersonal ist es längst bekannt, wie sich die Lage am Klinikum verschlechtert hat.
Interessant war auch die ZDF Doku "Der Patient als Ware"
http://www.notruf113.org/filmbeitrage.html
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