OB: Stadt hat kein Geld für ein festes Militärmuseum
Gießen (mö). Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz sieht derzeit keine Chance auf die Einrichtung eines militärhistorischen Museums in einem eigens für diesen Zweck bereitzustellenden Gebäude.
Zwischen Heroismus und Trauer schwankt das 1925 errichtete Mahnmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen des Infanterieregiments 116 auf dem Landgraf-Philipp-Platz. (Foto: Schepp)
Dies lasse die »prekäre« Haushaltslage der Stadt nicht so, hat die SPD-Politikerin am Donnerstagabend den Mitgliedern des Kulturausschusses in einem Anschreiben mitgeteilt. Anlass war die Verteilung des Konzeptpapiers »Gießener Garnison Museum«, das der Ortenberger Historiker Dr. Carsten Lind im Auftrag des Magistrats im vergangenen Jahr erarbeitet hatte. Als Alternative zu einem festen Museum schlägt die OB wechselnde Themenausstellungen vor, die im Rathaus stattfinden könnten.
Auf 35 Seiten hat Lind anschaulich dargelegt, wie ein Militärmuseum aussehen und didaktisch aufgebaut werden könnte. Sechs Stationen, beginnend mit einem historischen Überblick und endend mit dem gegenwärtig noch laufenden Prozess der Umnutzung von Militäranlagen (Konversion), werden dargestellt. Schon recht konkret beschreibt Lind, wie ein Gang durch dieses Museums verlaufen und wie Militärgeschichte visuell und akustisch dem Besucher nahegebracht werden könnte. Dabei ist die Reduzierung des Konzepts auf den Begriff Militärgeschichte eigentlich falsch. Lind zeigt deutlich auf, dass das Verhältnis der Stadt und ihrer Bürgerschaft zum Militär stets ein konfliktträchtiges war. Der Zugriff des Militärs auf Grund und Boden, Proteste gegen Verkehrs- und Lärmbelastungen sowie gegen die Stationierung von Massenvernichtungswaffen hätten dieses Verhältnis auch und vor allem geprägt. »Bürger und Soldat in der Stadt« - das sei stets ein »Gegen-, Mit- und Nebeneinander« gewesen, nennt Lind eine seiner Stationen und widmete sich der interessanten Frage, zu was eine Garnison eigentlich führt: Zur »Zivilisierung des Militärs« oder der »Militarisierung der (Stadt)Gesellschaft?«
OB Grabe-Bolz, die das Thema Militärmuseum von ihren Vorgängern im Amt, den beiden FDP-Kulturdezernenten Dr. Reinhard Kaufmann und Harald Scherer, geerbt hatte, lobt Linds »zivile Militärgeschichte« als »schlüssig und zielführend«, wenngleich sie momentan aus finanziellen Gründen keine Möglichkeit sieht, es an einem Ort und in Gänze umzusetzen. Eine Einschätzung, die vor dem Hintergrund dessen, was Lind an Aufwand beschreibt, das Museum einzurichten und dauerhaft zu betreiben, verständlich wird. Nach Erwartung des Autors würde die Hauptlast der Finanzierung - unabhängig von der Rechtsform und Trägerschaft - bei der Stadt Gießen liegen. Benötigt würde eine Mindestfläche von 300 Quadratmetern, zusätzlich ein Raum für Vorträge bzw. Sonderausstellungen, ein Sanitärtrakt und Garderoben. Neben den laufenden Kosten für einen Kurator, das Aufsichtspersonal und den Gebäudeunterhalt müsste das Museum einen jährlichen Etat erhalten; als untere Grenze nennt Lind 10 000 bis 15 000 Euro. Sinnvoll wäre eine organisatorische Anbindung an die bestehenden städtischen Museen. Als »optimalen« Standort nennt Lind den Bahnhofsbereich, weil sich dort mit dem Mathematikum und dem Liebig-Museum bereits Publikumsmagneten befänden. Sein Konzept ließe sich zwar auch in deutlich abgespeckter Version realisieren, aber ohne Großexponate, Audio- und Videoinstallationen entfalteten solche Ausstellungen erfahrungsgemäß keine Anziehungskraft. Daher sollte ein Ausbau »immer im Auge behalten werden«.
Mit der Übergabe von Linds Konzept an die Fraktionen hat der Magistrat den an ihn im April 2008 erteilten Arbeitsauftrag erledigt. Der Ball liegt damit wieder im Spielfeld des Parlaments. Grabe-Bolz in ihrem Anschreiben an den Kulturausschuss: »Ich bitte Sie, meine Anregungen und das Konzept in Ihren Fraktionen zu erörtern, so dass wir diesen Aspekt der Gießener Stadtgeschichte gemeinsam aufarbeiten.«