Gießen (kw). An drei heimischen Grundschulen wird derzeit alevitischer Religionsunterricht erprobt. Zwischen vier und neunzehn Mädchen und Jungen pro Schule haben seitdem ein Fach mehr.
Auch das Einüben eines kleinen Theaterstücks gehört zum alevitischen Religionsunterricht an der Ludwig-Uhland-Schule mit der Lehrerin Gercek Bingöl-Dikme (hinten links). (Foto: Schepp)
Gießen (kw). »Zügle deine Hände und deine Zunge – beherrsche dich«, liest Sare vor. »Was kann diese Regel bedeuten?«, fragt Gercek Bingöl-Dikme. »Man soll nicht boxen«, sagt Erencem. »Nicht die Zunge rausstrecken«, ergänzt Dilara. »Keine schlimmen Wörter benutzen«, meint Ekin. Solche Beispiele tragen die acht Kinder in ihre Arbeitsblätter ein, die Großen helfen dabei den Jüngeren. Der alevitische Religionsunterricht gehört an der Ludwig-Uhland-Schule seit Monaten zum Alltag. Für die betroffenen Familien ist er ein »Meilenstein«, erklärt Lehrerin Gercek Bingöl-Dikme.
Im Herbst startete das Land Hessen den Pilotversuch »Alevitischer Religionsunterricht« an vier Standorten, darunter der Gießener Uhland- und der Georg-Büchner-Schule sowie der Grundschule Lollar. Zwischen vier und neunzehn Mädchen und Jungen je Schule – Erst- bis Viertklässler gemeinsam – haben seitdem ein Fach mehr. Anderthalb Stunden in der Woche befassen sie sich mit den Werten und der Geschichte, den Festen und Ritualen ihrer Religion. Gercek Bingöl-Dikme hält ihren Unterricht fast ausschließlich auf Deutsch. Einige Begriffe, Gebete, Lieder und an diesem Nachmittag auch die ersten drei »alevitischen Regeln« lernen die Kinder auch auf Türkisch.
Die Lehrerin leistet dabei Pionierarbeit, denn das Fach kann man noch nirgends studieren. Ihr Staatsexamen hat sie für Geschichte und Sozialkunde abgelegt. Die Neuerung »liegt mir am Herzen«, erklärt die Deutsche – aktiv in der alevitischen Gemeinde Wetzlar – ihre Bewerbung. Orientierung für die Unterrichtsgestaltung gibt ihr der Rahmenplan des Landes Hessen. Sie hat Fortbildungen besucht und nutzt Materialien, die sich anderswo bereits bewährt haben: In Berlin und Baden-Württemberg läuft der Religionsunterricht schon einige Jahre, 2008 begannen Pilotversuche in Nordrhein-Westfalen und Bayern.
»Unsere Grundnorm ist: Alle Völker werden als gleichwertig betrachtet«, erklärt Gercek Bingöl-Dikme im AZ-Gespräch. Auch Frauen und Männer seien gleichgestellt in der Glaubensgemeinschaft, die als undogmatisch und humanistisch gilt. Der Dachverband Alevitische Gemeinde Deutschland hebt die Treue zur deutschen Verfassung hervor. Vor Ort ist der Alevitische Kulturverein Gießen Ansprechpartner und half den Schulen zunächst herauszufinden, welche Kinder dieser Religion überhaupt angehören. Gercek Bingöl wünscht sich, dass die Schulen bereits beim Anmelden der Kinder nach der alevitischen Religionszugehörigkeit und vielleicht auch nach dem Interesse an dem Unterricht fragen.
Die Einführung des Fachs samt Lehrplan und Noten sei ein »Riesenschritt zur Integration«, sagt Gercek Bingöl-Dikme. Viele Familien fühlten sich stärker angenommen an der Schule und gewännen mehr Vertrauen in Staat und Gesellschaft – das bestätigen die Eltern dreier Uhlandschüler. »In unserem Herkunftsland werden wir nicht toleriert, da ist dieser Unterricht nicht möglich. Aber hier in Deutschland erfahren wir offiziell Anerkennung«, sagt Kemal Deniz, zugleich Vorsitzender des Alevitischen Kulturvereins. Von ihren Eltern habe sie die Regeln ihrer Religion nur mündlich gelernt, erklärt Besime Kantekin, denn die Aleviten waren in der Türkei lange unterdrückt. Im Zusammenhang mit dem neuen Fach habe er »mindestens zehn deutschen Eltern erklärt, dass es uns gibt und was Alevitentum überhaupt ist«, erzählt Birol Arslan. In Deutschland leben schätzungsweise 800 000 Aleviten, in Stadt und Kreis Gießen etwa 400 bis 450 Familien. Die Aleviten öffneten sie sich hin zur hiesigen Gesellschaft, erläutert Kemal Deniz. Das Wissen über die eigene Kultur und Religion zu erhalten, gehöre aber zur Identität. »Meine Kinder haben im Kindergarten die Geschichten, Lieder und Gebete zu Jesus gelernt, sie kennen Weihnachten und Ostern. Das finde ich in Ordnung. Aber sie sollen auch erfahren: Das ist nicht die einzige Religion. Mir ist es wichtig, dass sie Bescheid wissen über das Alevitentum. Was sie praktizieren wollen, bleibt ihnen überlassen.«
Während die hessische Landesregierung sich von dem neuen Fach »wichtige Impulse« für einen allgemeinen Islam-Religionsunterricht erhofft, sehen die Aleviten sich unabhängig von den sunnitischen und schiitischen Muslimen. Es sei umstritten, ob die sehr alte Religion überhaupt zum Islam gehört, erklärt Deniz. Jedenfalls stehe die Alevitische Gemeinde Deutschland fest auf dem Boden der demokratischen Grundwerte und habe jahrelange Vorarbeit geleistet, um den staatlichen Religionsunterricht durchzusetzen. Diesen Weg müssten auch andere Interessengruppen gehen, wenn sie das gleiche Ziel erreichen wollen. Für Kemal Deniz ist wichtig, »dass es nicht beim Pilotversuch bleibt. Wir hoffen, dass der alevitische Religionsunterricht zum festen Bestandteil an vielen Schulen wird.«
Das BID Marktquartier will dauerhaft ein Kinderkarussell auf den
Marktplatz stellen. Damit soll die Trinkerszene verdrängt werden. Was
halten Sie davon?