Trete nie zusammen mit Tieren und Kindern vors Publikum, du kannst nur verlieren - dieser Ratschlag eines erfahrenen Schauspielers an seine Kollegen trifft bei der Gießener Inszenierung ins Schwarze, denn die junge Anne-Kathrin Abel in der Hauptrolle der zehnjährigen Mary spielt ihre Profi-Kollegen an die Wand. Die Nachwuchssängerin des hauseigenen Kinder- und Jugendchors zeigt so viel Bühnenpräsens bei gleichzeitiger rollenbedingter Naivität, dass es einen beinahe umhaut vor Begeisterung. Ihr Wandel vom kleinen tyrannischen Unsympath zum mitfühlenden Mädchen hat Klasse; dass sie dabei ihren umfangreichen Gesangspart tadellos bewältigt, zeugt von großem Talent. Robert Schmidt, ebenfalls aus dem Kinderchor rekrutiert, als Lilys kranker Cousin Colin macht seine Sache gleichsam hervorragend.
Das trifft auch auf die wie immer bezaubernd singende Odilia Vander- cruysse als Lily Craven zu, die allseits präsent ist: Zahlreiche Bilder mit ihrem Konterfei schmücken den Landsitz, darüber hinaus erscheint sie mehrfach als leibhaftiger Geist auf der Bühne. Ihr zarter, heller Sopran glänzte wie Gold in der Abendsonne. Bei den Männern hatte Matthias Ludwig als Dr. Neville Craven alle guten Karten in der Hand. Sein Bariton besticht durch genaue Artikulation, weshalb er auch in Duetten eine hervorragende Figur macht.
Davon weit entfernt war Tenor Guido Hackhausen als Archibald Craven, der sich nach Kräften mühte, dafür reichlich Applaus bekam, jedoch weder gesanglich brillierte - trotz einer gut ausgesteuerten Verstärkeranlage - noch in der Rolle des schwermütigen Onkels zu überzeugen wusste.
Man muss schon über eine unverwechselbare Stimme verfügen, wie sie der lyrische Tenor August Schram besitzt, damit man trotz der albernsten Verkleidung erkannt wird. Als bläulich angemalter Fakir in Pluderhosen und Althippie-Gewand gab er eine fleischgewordene Girlande - selbst aus diesem »indischen« Outfit machte Schram das bestmögliche. Ähnliches gilt für Bassist Tomi Wendt, dem sich als Marys Vater wenig Gelegenheit bot, Glanz zu versprühen. Wendt wird im Theater bisweilen unter seinen Möglichkeiten besetzt, was schade ist für den engagierten, wohltönenden Sänger.
Alexander Herzog als Dickon hatte den Spaßfaktor auf seiner Seite - vor allem die Kinder im Publikum konnte er begeistern. Gewohnt solide agierte Henrietta Hugenholtz als Dienstmädchen. Christian Richter gab - überzeugend kostümiert - einen glaubwürdigen ehemaligen Gärtner. Auch die übrigen der insgesamt 22 Protagonisten machten ihre Sache gut.