Sie sind hier: Startseite » Stadt » Übersicht »

Muslime feiern Fastenbrechen auf dem Kirchenplatz

Artikel vom 30.07.2012 - 07.02 Uhr

Muslime feiern Fastenbrechen auf dem Kirchenplatz

Gießen (csk). Verblüfft reagieren die meisten Passanten, die am Samstagabend über den Kirchenplatz laufen, angesichts dessen, was sich dort abspielt. Einige Hundert Menschen bevölkern ein großes Zelt und den gesamten Platz, es duftet nach Fleisch, überall liegen blaue Säcke, Plastikbesteck, Alufolie.

Stadt-Iftar5_300712_4c_1
Lupe - Artikelbild vergrössern
Ein Schluck Wasser und eine Datte, um den Magen sanft zu öffnen: Mit diesem »Aperitif« begann das üppige Festmahl nach Einbruch der Dunkelheit. (Fotos: csk)
Tatsächlich erleben die Teilnehmer hier eine echte Gießener Premiere: Denn erstmals feiern die muslimischen Gemeinden öffentlich und gemeinsam mit allen interessierten Bürgern das Fastenbrechen, muslimisch »Iftar« genannt.

Bei der Aktion geht es den Muslimen längst nicht nur ums Essen. Vielmehr sei das »Ramadanzelt« ein Zeichen der religiösen Vielfalt und Toleranz, meinen die Organisatoren.

Einzig die sorgsam gestapelten Wasserflaschen deuten am frühen Abend auf das bevorstehende Festmahl hin. Nur wenige Besucher verlieren sich im Ramadanzelt. Sie diskutieren mit Vertretern der islamischen Gemeinden über den Fastenmonat, warten auf die Dunkelheit und lauschen derweil Lobpreisungen des Propheten Mohammed. Man wolle die muslimische Tradition für alle Gießener öffnen und den Islam zugleich als festen Bestandteil der Stadt zeigen, erzählt Mitinitiator Abderrahim En-Nosse. In Marburg etwa habe das öffentliche Fastenbrechen längst einen festen Platz im städtischen Terminkalender. Geht es nach Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, soll es den demnächst auch in Gießen bekommen.

Get the Flash Player to see this player.
Kurz vor 21 Uhr ist das Zelt dann bis auf den letzten Platz gefüllt, als Grabe-Bolz zum Mikrofon greift. »Wir wollen die verschiedenen Religionen bei uns kennenlernen und ausleben«, sagt sie und bekommt Applaus. Der Kirchenplatz sei dafür genau passend, schließlich gehörten die Muslime und ihre religiösen Riten mitten in die Stadt. Der Islam genieße hier breite Akzeptanz, wie schon ein kurzer Blick auf die Gästeliste zeige, ergänzt En-Nosse. Unter anderen Gerhard Merz, Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des SPD-Stadtverbandes, und Hermann Schaus (Linkspartei) stehen darauf. Noch wichtiger ist vielleicht, dass abends auch etliche Nicht-Muslime und Vertreter christlicher Gemeinden das Fastenbrechen feiern.

Den Hintergrund der Feier erklärt die Mainzer Studentin Ruah Marva. Mit einem Augenzwinkern und deshalb umso leichter verständlich spricht sie über den neunten Monat des islamischen Mondkalenders. Er sei eine Säule des Islam, das Fest zu seinem Ende sei sogar das Wichtigste nach dem Opferfest. Wer glaube, gut vier Wochen lang von Morgengrauen bis Sonnenuntergang zu fasten sei eine Tortur, der liege falsch, erklärt Marva. Der Ramadan sei »ein Monat der Freude«. Muslime verzichteten nicht nur täglich aufs Essen – Enthaltsamkeit gelte ihnen im umfassenden Sinne. Bestenfalls resultierten daraus Ruhe und Erholung. Christen könnten den Ramadan insofern am ehesten mit dem Advent vergleichen, zumal das familiäre Beisammensein unbedingt dazugehöre.

Und natürlich ein üppiges Festmahl direkt nach Einbruch der Dunkelheit. Lange Schlangen bilden sich jetzt vor der eilig aufgebauten Essensausgabe am Kirchenplatz. Aus der zuvor eher besinnlichen Feier wird binnen Sekunden ein riesiges Tohuwabohu, während einige gleich nebenan unbeirrt ihr Abendgebet sprechen. Ob Plastikstuhl, Kiste oder Treppenstufe – alles Mögliche dient nun als Tisch. Der Speiseplan folgt der muslimischen Tradition: Es gibt Reis und Fleisch, dazu Brot und Wasser. Aber zuerst einen Schluck Wasser und eine Dattel – um den Magen sanft zu öffnen, heißt es. Bis zum Marktplatz wandert später der markante Geruch, für kurze Zeit beherrscht er sämtliche anderen Aromen, die aus umliegenden Cafés und Imbissen drängen. Mancher Passant lässt sich locken und bleibt angesichts der speisenden Menschenmasse verdutzt stehen. »Hier kann man also einfach so essen?«, fragt eine Frau, als die Schlange schon deutlich kürzer geworden ist. Kurz zögern sie und ihr Begleiter, dann reihen sich beide hinter den Wartenden ein.

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 30.07.2012 - 07.02 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Mehr zum Thema
Muslimisches Fastenbrechen auf dem Kirchenplatz
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang