Modelleisenbahner beklagen Schrumpfen ihrer »Szene«
Gießen (fd). »Für mich ist es das letzte Mal«, lächelt Manfred Fechler halb traurig und halb erleichtert. Die Grübchen um seinen Mund werden tiefer, wenn er an damals denkt. 40 Jahre sind inzwischen vergangen, seitdem er zusammen mit einigen Gießener Freunden die erste Börse für Modelleisenbahnen in Deutschland aufgebaut hatte. Nun lohne sich das Handeln nicht mehr.
Leidenschaft für die Sache war der Hauptbeweggrund für die Organisation von Modelleisenbahnbörsen, erklären die Gießener »Gründerväter« (v. l.) Wolfram Ostheimer, Adolf Sippel, Manfred Fechler und Johannes Winkler im AZ-Gespräch. (Foto: fd)
Computerspiele und Großhändler verderben den Nachwuchs und das Geschäft. »Idealisten wie wir«, setzt er erneut an, »wir sind eigentlich schon ausgestorben.« Deswegen wolle er sich in Zukunft aufs Spielen beschränken: Die Anlage im Keller wird noch regelmäßig befahren. Am Wochenende besuchte er die Tauschbörse in der Kongresshalle zum letzten Mal als Händler.
»Ich bin der nächste Aussteiger«, stimmt Adolf Sippel ein. Auch er gehörte Anfang der 1970er Jahre dem Stammtisch um Manfred Fechler an, der die erste Tauschbörse für Modelleisenbahnen initiierte. Sein Abschied wird sich jedoch komplizierter gestalten. Den Grund dafür findet man in den zwei Garagen des Gießeners: Sie sind vollgestellt mit Modellbahnen aller Art, meist originalverpackt. Wie viele das sind? Er habe zwar den Überblick, aber eine genaue Zahl wolle er lieber nicht nennen. »Es gibt wohl keinen Sammler, der mehr hat«, erfährt man auf der Börse. Seine Sammlung ist mittlerweile ein Vermögen wert. Das macht den Ausstief umso schwerer. Die kostbarsten Exemplare bewahrt er im Schließfach auf. Diebstähle bei befreundeten Sammlern haben ihn vorsichtig werden lassen. Und so dürfen nur die engsten Bekannten in die vollgestellten Garagen. Was seine Frau zu seinem Hobby sagt? »Sie schimpft öfters. Und natürlich hat sie auch recht damit«, winkt Sippel ab: »Ich wäre froh, wenn ich alles los wäre. Der Handel ist mittlerweile ein Verlustgeschäft.«
Die Anlage im Keller ist schon lange abgebaut. Anders als sein Freund Fechler ist Sippel ein reiner Sammler, kein Spieler. Bereits als Vierjähriger bekam er von einem Verwandten die erste Eisenbahn geschenkt. »Die habe ich heute noch«, nickt er. Die Leidenschaft war sofort geweckt, die Berufswahl später schnell gefallen: Lokführer. Und auch heute nimmt man ihm nur schwer ab, dass er sich aus der Szene zurückziehen will: Zu sehr leuchten seine Augen, wenn er von der 800er-Serie von Märklin, dem 30/25er-Triebwagen spricht. Das Modell sei bei Eisenbahnern ein vergleichbarer Mythos wie die »Blaue Mauritius« unter Briefmarkensammlern.
In einer ähnlichen Situation wie Adolf Sippel war auch Rainer Kusowski vor einigen Jahren. Doch sein Hobby sollte dem Kasseler die Existenz retten. Aufgewachsen direkt neben einem Bahnhof, faszinierten ihn Züge schon von Kindesbeinen. Und so hatte Kusowski bereits unzählige Eisenbahnen gesammelt, als er aufgrund eines Krankheitsfalls im näheren Umfeld seine Stelle als noch junger Lehrer aufgeben musste. Er arbeitete 15 Jahre in der privaten Pflege, bis er wieder Zeit fand, seinen ursprünglichen Beruf auszuüben. Doch eine Wiedereingliederung wurde nicht gefördert, die Rückkehr ins Klassenzimmer unmöglich. In der Not entschloss sich Kusowski, sein Hobby zum Beruf zu machen. »Ich wurde so erzogen, dass man soziale Sicherungssysteme nicht nutzt, wenn man nicht muss«, erklärt er heute. An den Wochenenden zieht er nun von Stadt zu Stadt, besucht Tauschbörsen, kauft und verkauft Eisenbahnen. Mit den Gießener Gründervätern um Manfred Fechler und Adolf Sippel verbindet ihn mittlerweile eine Freundschaft. Als einer der wenigen hat es Kusowski sogar in die sagenumwobenen Garagen von Sippel geschafft und durfte dessen Sammlung bewundern.
Zusammen mit einigen Kollegen baut er heute eigene Loks. »Einige konstruieren am PC, andere ätzen die Metallteile oder lackieren«, erklärt er. Die Präzision der Handarbeiten sei vergleichbar mit den Werken eines Goldschmieds. Kein Wunder also, dass der ehemalige Lehrer bis zu 2000 Euro für seine Spezialanfertigungen nimmt. »Mit den neuen Herstellern aus Korea oder China können wir natürlich nicht mithalten«, wiegelt er ab. Auch könne er nicht sagen, wie lange er noch die bundesdeutschen Tauschbörsen abklappern werde: »Das Geschäft lässt stark nach«, stimmt auch er seinen Kollegen zu. Computer und Playstation haben Modelleisenbahnen schon lange den Rang abgelaufen. Die Szene schrumpft. Kusowski nutzt die gleiche Redewendung wie seine Gießener Kollegen: »Wir sterben aus.«
Und doch treffen sich Manfred Fechler, Adolf Sippel und der Gießener Stammtisch der Modelleisenbahner noch immer an jedem dritten Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr im Gasthaus Weller in Wieseck.
Ich finde es auch schade, dass die Jugend sich für dieses Hobby nicht mehr interessiert. Aber wie sollen sich die jungen Leute heutzutage diesen teueren Spaß noch leisten können?? Es ist der reine Wahnsinn, was das alles kostet.
(05.01.2010 21:54)
schlawi
Modelleisenbahner-Szene
An die Gründungsväter Ostheimer, Sippel, Vechner und Winkler: Ich weiß selbst wie schwer es geworden ist, aber aufgeben gibt es nicht ! Aus München die herzliche Bitte: weitermachen !! Mir würde etwas fehlen wenn ich in Gießen bin und gleichzeitig Tauschbörse ist Euer Stammtisch war mir neu (woher sollte ich dies auch wissen), habe mir aber vorgemerkt: Bist du am dritten Donnerstag in in Gießen ist künftig Gasthaus Weller Pflicht. Anm.: Ich bin in Gießen aufgewachsen, lebe aber seit über 40 Jahren in München. Hans-Joachim Heller
Das BID Marktquartier will dauerhaft ein Kinderkarussell auf den
Marktplatz stellen. Damit soll die Trinkerszene verdrängt werden. Was
halten Sie davon?