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Migration »das Normalste der Welt«

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Artikel vom 30.11.2013 - 14.00 Uhr

Migration »das Normalste der Welt«

Gießen (kw). In Deutschland leben Menschen mit heller Haut, alle anderen sind für eine Weile zu Gast und gehen irgendwann wieder: Dieses Bild stecke hinter manchen Polizeikontrollen oder politischen Debatten. Doch es sei verzerrt: Die gesellschaftliche Realität sehe man »beim Bäcker, beim Schwimmbad, in der Schule« in jeder Stadt.

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Wolf-D. Bukow
Das sagte Prof. Wolf-Dietrich Bukow am Freitagnachmittag bei der Auftaktveranstaltung zu einem »Handlungskonzept Integration«, das die Stadt Gießen entwickeln möchte.

Rund 50 Gäste – vor allem Vertreter von Migrantenorganisationen, aus der Kommunalpolitik und aus Bildungseinrichtungen – begrüßte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Gießen sei von jeher eine weltoffene und tolerante Stadt. »Eine moderne Integrationspolitik weiß um diesen Reichtum und findet Wege, sie für alle Bürgerinnen und Bürger zu nutzen.« Als richtigen Schritt würdigte die SPD-Politikerin die Abschaffung des Optionszwangs für junge Migranten, der dieser Tage in der Vereinbarung für die Große Koalition auf Bundesebene beschlossen wurde.

Die federführende Stadträtin Astrid Eibelshäuser (SPD) erläuterte, warum und wie das Handlungskonzept entstehen soll. Es gelte noch bestehende Benachteiligungen zu erkennen und Ideen zu sammeln, wie man sie abbauen kann. Ziel sei, dass Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte gleichermaßen die Chance zur Teilhabe am politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben erhalten.

Den Begriff Integration kritisierte Bukow in seinem Vortrag »Neue Vielfalt in der urbanen Stadtgesellschaft«. Der Professor für Erziehungs- und Kultursoziologie und Direktor der Forschungsstelle für interkulturelle Studien an der Universität Köln sagte, statt vom Einzelnen Angleichung zu fordern, solle man eine »Kultur der Inklusion« pflegen. Das gelinge in der städtischen »Alltagspraxis« längst weitgehend. Diese Realität gelte es bewusst wahrzunehmen und »kommunale Routinen von Nationalismen zu befreien«.

Immer wieder zeigten sich Gesellschaften überrascht von vermeintlich neuen Wellen von Einwanderung, und der deutsche Staat »skandalisiere« sie. In Wirklichkeit seien Migration und Mobilität seit Jahrhunderten »das Normalste der Welt«. So sei die Stadt Wesel im Jahr 1760 dafür ausgezeichnet worden, dass drei Viertel ihrer Bewohner Flüchtlinge – etwa Hugenotten – waren. Eine formale deutsche Staatsbürgerschaft gebe es erst seit 130 Jahren. Vor diesem Hintergrund sei die Diskussion um einen Doppelpass »ein historischer Witz«, so Bukow.



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Artikel vom 30.11.2013 - 14.00 Uhr
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Leserkommentare
(03.12.2013 17:07)
Lux
Migration II
Ich habe mich ja bereits zum Artikel geäußert. Ergänzen möchte ich, dass ich mich explizit gegen eine doppelte Staatsbürgerschaft ausspreche. Ich halte diese für gefährlich, vor allen Dingen dann, falls es zu einem Konflikt käme. Für wen würde sich wohl ein Salafist entscheiden? Für Deutschland oder einen sunnitischen arabischen Staat?
(03.12.2013 14:45)
freno
Respektlosigkeit
In den Bestrebungen der Politiker, den Optionszwang abzuschaffen sehe ich die Schaffung eines Privilegs für entscheidungsunwille Mitmenschen. Die bemängelte Respektlosikeit deutscher Staatsbürger wird mit der Respektlosigkeit einer belibigen Staatsangehörigkeit beantwortet. Dadurch wird die Kluft zwischen In- und Ausländern eher noch vertieft. Darin kann ich nicht das "normalste der Welt" erkennen.
(02.12.2013 18:29)
moltke
Migration
ist nicht das normalste der Welt. Da hilft auch kein Professorengeschwätz
(wie es Schröder einmal sagte) um die Leute zu verdummen. Jeder der schon
in Gießen sieht, was da abgeht (besonders nachts) läßt sich kein x für ein u
vormachen. Viele weibliche Bekannte gehen nur noch mit Pfefferspray in der
Handtasche aus usw. Wenn mann dann noch mitbekommt wie es in Duisburg,
Dortmund, Berlin usw. zugeht, kann man nur noch Haß auf diese Politiker empfinden, die das zugelassen haben. Irgendwann in naher Zukunft wird
der Topf von dem Deckel fliegen.
(01.12.2013 11:22)
Lux
Migration
Wanderungen hat es immer wieder gegeben, sie sind Teil der Geschichte Europas. Obwohl das bekannt ist, bleibt die Skepsis Einwanderern gegenüber groß. Schlagworte wie Sozialnetzmigranten machen den Menschen Angst, ihr Sicherungsnetz würde zerreisen und sie selbst in Armut geraten. Auch die Angst vor einer anderen Kultur und dem Verlust der eigenen Kultur durch Multi-Kulti tragen dazu bei. Es geht in der Regel nicht um Fremdenhass, sondern um Angst vor dem Fremden und den Fremden. Uns stören weder Zuwanderer aus Italien, Spanien, Portugal oder Frankreich. Aber die Zuwanderung aus Osteuropa ist eine Herausforderung, die meines Erachtens zu früh kommt. Selbst wenn es sich um gut ausgebildetete Zuwanderer handelt bleibt es falsch. Warum? Nun Bulgarien aber auch Rumänien benötigen ihre "Eliten" selbst. Deutschland sollte lieber daran gehen diesen Teil Europas vor Ort mit auf zu bauen. Es sollte auch nicht die geographische Lage der beiden Länder vergessen. Hilft Europa nicht, wird wohl Russland wohlwollend helfen.
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