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Methadon-Angebot hat sich bewährt

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Artikel vom 16.03.2013 - 11.13 Uhr

Methadon-Angebot hat sich bewährt

Gießen (kw). Darf und soll der Staat Rauschmittelsüchtige mit einer Art Droge versorgen? Es gab heftige Diskussionen, bevor in Deutschland das erste Methadon-Programm startete. In Gießen begannen 1990 einige Praxen mit der Vergabe, 1995 eröffnete eine Ambulanz. Ein Fazit aus heutiger Sicht: Die Behandlung hat sich bewährt.

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Die meisten Patienten müssen ihre Ersatzstoffe in der Praxis einnehmen, in der Regel in flüssiger Form. Das soll Schmuggel verhindern. (Fotos: Schepp)
Dieser Meinung ist zumindest Dieter Schneider, Inhaber der größten hiesigen Praxis für Substitution mit derzeit 94 Patienten. »Gäbe es das Angebot in dieser Größenordnung nicht, so wäre das Stadtbild noch viel mehr durch Gruppen geprägt, von denen sich manche gestört fühlen«, so die Überzeugung des Facharztes für Psychiatrie.

»Ich habe sehr viele Patienten, die gescheitert sind an -zig Entgiftungen und Therapien und denen es hier gelingt, sich zu stabilisieren«, sagte Schneider im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung. Studien belegten den Erfolg der Methode. Vorbehalten begegne er dennoch bis heute. »Es ärgert mich, wenn ich höre: Die müssen nur wollen, dann können sie auch aufhören. Das ist Quatsch.« Ebenso wenig stimme der Vorwurf, die Süchtigen bekämen einfach nur billigen »Stoff«. »Wir fordern auch etwas: Wir machen eine Behandlung und haben Ziele.«

Die könnten allerdings unterschiedlich hoch angesetzt sein. Das Ideal: Der einst Heroinabhängige nimmt Methadon oder ein anderes Ersatzmedikament, das keinen Rausch erzeugt. Davon braucht er im Lauf der Zeit immer weniger und irgendwann gar nichts mehr. Zugleich sucht er sich Arbeit, gründet vielleicht eine Familie. Das Ergebnis: Ein selbstständiges Leben ohne Drogen und Kriminalität.

Das könne tatsächlich gelingen, und das gar nicht so selten, betont Schneider: Von seinen Patienten gingen schätzungsweise 15 Prozent diesen Weg. Erfolge seien es aber auch, wenn die einst Süchtigen sich gesundheitlich erholen und keine Straftaten mehr begehen – selbst wenn sie von den Ersatzstoffen abhängig bleiben, vielleicht auch gelegentlich Alkohol trinken oder Hasch rauchen. Freilich gebe es Fälle, in denen die Substitution beendet wird: Etwa wenn jemand unverändert Drogen konsumiert oder wenn er Regeln bricht und beispielsweise gewalttätiges Verhalten gegen Praxispersonal oder Mitpatienten zeigt.

»Jeder, der hier herkommt, möchte sein Leben ändern«, betont Schneider. Die größte Schwierigkeit zu Beginn der Substitution sei für viele die plötzliche Freizeit. »Morphinabhängigkeit ist ein Fulltime-Job.« Die Stunden, die zuvor mit dem Besorgen von Geld, »Stoff« und mit dem Rausch gefüllt waren, gelte es nun zu gestalten. »Fast alle meine Patienten würden gern arbeiten« – doch einen Acht-Stunden-Tag könnten sie nicht gleich durchhalten. Maßnahmen etwa bei Beschäftigungsträgern seien leider rar geworden. Was außerdem das Durchhalten erschwert: Manchen falle der Abschied von der »Szene« schwer, ihr neues Leben mute langweilig an. Und die Ersatzstoffe bieten nicht das Gefühl des Morphin-Rauschs, dem einige »hinterherjagen«.



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Artikel vom 16.03.2013 - 11.13 Uhr
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